Diktiren. = Dinter, Dr. Guſtav Friedrich. 397
Kindes geradezu abſchwächen heißt, wenn man es Alles niederſchreiben läßt,
datt ſeine Aufmerkſamkeit und ſeine Auffa)jungskraft anzuregen. Insbe-
jondere iſt dies beim Religion3unterrichte der Fall, “wo noch Überdies der
Nachtheil eintritt, daß der todte Gedähtnißkram dadur< beſördert, ſtatt daß
zu Geiſt und Herz geſprochen wird. Was den Werth des Diktirens für
die Rechtſchreibung anbelangt , ſo iſt derſelbe ſehr gering anzuſchlagen , da
die Kenntniſſe und Fähigkeiten der Kinder derſelben Klaſſe ſehr verjichieden
find. Das Diktiren iſt deßhalb überall abgekommen. Die preußiſchen
Regulative ſprechen allerdings noch vom Dikiirſchreiben, aber wie Bo>
erklärt: es iſt vamit nicht gemeint, daß die Lehrer, wie früher Üblich, einen be-
liebigen Stoff wort- oder ſaßweiſe aus einem Buche vorſprechen und uuter AÄn-
gabe der Schreibung einzelner Wörter von den Kindern auf die Schiefertafel
oder in dem Schreibbuche aufſ Stoff zu orthographiſchen und ſtyliſtiſchen Uebungen verwendet werden, wel-
richte ſich ergibt. Unter Diktirſchreiben will alſo Bo> nur das Auſſchrei-
hen a) auswendig gelernter Stüde, b) frei wiederzugebender Erzählungen
mit vorausgeſchiäten orthograyhiſchen Beſprechungen verſtehen. Er will das
Diktirſchreiben mit dem Sc<önſc 1) daß Alles, was geſchrieben wird, gut zu ſchreiben iſt, 2) daß Buchſtaben,
die nicht richtig gemacht werden, im Diarium ſofort beſonders zu üben jind,
3) daß man in ein bis zwei Stunden wöchentlich auch nach Vorſchriften
ſchreiben läßt, daß aber 4) jede Vorſchrift dem Unterrichtsſtoſfe entnommen
iſt , etwa zwei bis drei Zeilen enthält und nur dreimal geſchrieben wird.
(Wegweiſer für evangeliſche Volksſchullehrer. Th. 1. S. 142.) Allein wir
werden am einfachſten ſagen: das Diktirſchreiben ſoll mit dem Schreibleje-
unterricht verbunden werden, und es ſoll nur ſoviel diktirt werden , als
durch dieſen Unterricht vorher erklärt worden iſt und wiedergegeben werden
ſoll. In dieſem Sinne hat das Diktirſ ſtiſcher und orthographiſcher Uebung ſeine Berechtigung. Wo immer aber
irgend ein Grund das Vorſagen und Aufſchreiben des Borgeſagten noth-
wendig macht, da iſt wenigſtens zu beobachten? 1) man diktire nicht zu ſrüh,
bevor der Schüler eine ſichere Hand und Uebung im Schreiben hat, jonſt
| jeidet Kalligraphie und Orthographie gleichmäßig; 2) man diktire nicht zu
| viel und 3) weder zu ſchnell noch zu langſam, jerner 4) wenn es immer
möglich iſt, in ganzen Säßen, damit die Kinder zugleich auffaſſen und deit-
fen lernen und nicht über den einzelnen Worten den Inhalt des Diktirten
aus dem Auge verlieren.
Dinter, Dr. Guſtav Friedrich, wurde am 29. Februar 1760 zu Borna
in Sachſen , wo ſein Vater Gerichts8director war , geboren. Mit vierzehn
Jahren bezog er die Fürſtenſchule zu Grimma. Auf den Fürſtenſchulen
beſtand damals ſchon der wechſelſeitige Unterricht und die beſſern Schüler
der obern Klaſſen hatten als Obergeſellen den jüngern nachzuhelfen.
Ein ſolcher Obergeſell war Dinter und in dieſem Amte entwicelte ſich vei
ihm die Lehrgabe, wodurch er ſich ſpäter in ſo eminenter Weiſe auszeich-
nete. IJu Leipzig widmete er ſich der Theologie, war fünf Jahre lang
Hauslehrer und wurde endlich 1787 Pfarr - Subſtitut zu Kitic nahm er Jünglinge unentgeltlich in fein Hans auf, um ſie zu bilden und
zog die Auſmerkſamkeit der Schulbehörden durch die vorzüglichen Kenntniſſe,
mit welchen ſeine Schüler in da8 Schullehrerſeminar eintraten, auf ſich.
» 1797 berief ihn deßhalb Reinhary als Director des Schullehrereminars
nach Friedrichſtadt-Dre8den, ein Amt, das er aus Liebe zum Fache annahm,
obwohl es mit geringern Einkünften größere Sorgen und Beſchwerden ein-

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