Durhbbilduing H 409
- Durchbildung. Die Durchbildung iſt das, worauf es alle Erziehung
imd aller Unterricht abjehen ſoll. Sie beſticht objectiv darin, daß jeder
Theil eines Unterrichtögegenſtandes und jede Seite der menj nicht nur mit Rücſicht auf das Ganze, dem er angehört, ſondern auch mit
Rüdſicht auf ſeine im Ganzen fortwirkende Kraft durchgearbeitet werde. Das
Reſultat der Durchbildung iſt die Dauerhaftigkeit und Klarheit des jo Ber-
arbeiteten. Subjectiv aufgefaßt beſteht die Durchbildung in der Aneignung
veſſen , was die objective Durchbildung gegeben hat. Die Durchbildung
unterſcheidet fich grundweſentlich von der Anbildung, welche man mehr nur
ven Schein oder das Gewand ver wahren durchdringenden Bildung nennen
kann, indem ſie einerſeits bloß an vie menſchlichen Anlagen anknüpft, ohne
dieje jelbſt zu erfüllen, und andererſeits den Unterrichtsſtoff wohl zerha>t,
aber dabei unbekümmert iſt, wie der jo behandelte Stoff den geiſtigen
Geſammt - Organi8Smus des Kindes erſaſſe und darin fortwirke. Die
Folge der bloßen Anbildung wird ein verrauchendes, unhaltbares, ober-
flächliches , unklares Wiſſen und ein demſelben entſprehendes8 mangel-
haftes jittlich-veligibjes Leben ſein. Es iſt z. B. ein himmelhoher Un-
terſchied, wie die Lehre von der Erbſünde behandelt werde. Es
kann dies jo geſchehen , daß das Kind nur eine Nominaldefinition davon
bekommt und bloß jein Gedächtniß dabei eiwas geübt worden iſt, oder aber
jo, daß es von dem Weſen dieſer Sünde, von ihrem Urſprunge und Fort-
gange, von ihrem pragmatiſchen Zuſammenhange mit der geſammten Heils-
ökonomie eine lebendige und ins Leben eingreifende Erkenntniß erlangt.
Für den leßtern Fall genügt es nicht, mit ein paar die Oberfläche berüh-
renden Fragen dieſe wichtige Lehre abzuthun, man muß ſie in ihrer Tieſe
erfaſſen ; man muß Wejen und Charakter der Erbſünde an dem hiſtoriſchen
Faden der Geneſis anjc ; wie diejes ihr Weſen und ihr Charakter in vem Menſchen liege und wirke,
und die Seele in ihrem innerſten Grunde durchdringe ; ſodann wie unver-
mögend der Menjc< jei, fich von dieſer Sünde und ihren Folgen aus eigener
Kraft frei zu machen und eine ſittliche Wiedergeburt zu bewirken ; endlich
wie erbarmungsreich ihm Gott jelbſt durch die zeitlichen Strafen der Sünde
(Arbeit, Leiden, Tod) zu Hilfe gekommen ſei. Iſt die beſagte Lehre nah
diejen Andeutungen durc gebildet; es hat damit zugleich die rechte Anſhauung von dem Urſprung
und der Erziehungskraſt aller Trübſale erlangt, ſowie den Entſchluß, ſie
jz mit Ergebung zu tragen; es hat ſich als Sünder kennen gelernt, der alle
Urſache hat, ſich zu verdemüthigen, da er ſich nicht ſelbſt rechtfertigen kann
und genöthigt ijt, ſich in kindlichem Flehen mm dieſe Gnade an Gott zu
wenden. Solche Frucht tragend erſcheint das Kind von jener Lehre durch-
gebildet. Ganz ſo verhält es ſich mit jedem andern Unterricht8gegenſtande.
I< führe beijpiel8wveije mr den Sprachunterricht an. Will man den
Kindern einen einfachen Saß zum Verſtändniß bringen, ſo genügt es nicht,
die einzelnen Glieder deſſelben benennen und aufzählen zu laſſen; es muß
dem Kinde die Nothwendigkeit und Bedeutung dieſer Glieder klar gemacht
werden. Stelle ich etwa ven Satz auf: Die Herbſtzeitloſe iſt eine Giſtpflanze,
jo ijt es nicht genug, darüber die Fragen zu ſtellen? Von welchem Gegen-
ſtande jage ich etwas aus, was jage ich von ihm aus, welches Wort iſt
folglich das Subject und welches das Prädicat? ſondern ich muß dem Kinde
eine deutliche Vorſtellung von der Herbſtzeitloſe geben, muß ihm fagen, was
überhaupt unter einer Giftpflanze verſtanden wird und warum die Herbſt-
» zeitloje zu den Pflanzen dieſer Art gehört; denn durch dieſe Erklärungen
werden jene Fragen zu einem belebten Ganzen, von deſſen Theilen das
Kind eine innere, tiefgehende, den Verſtand wie das Leben berührende Ans

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