Eigenſinn und Eigenwillen. | 429
auch auf ſich jene Worte anwenden, die der Herr fortwährend in den Ohren
ves Moſes, des Führers ſeines Volkes, ertönen ließ: „Trag jie an deinem
Herzen, wie die Amme ihren Säugling zu tragen pflegt.“ Er fühle eben
die Zärtlichkeit und Unruhe, welhe Panlus fühlte, da er die Galater
abermal gebar, bis Chriſtus in ihnen geſtaltet wurde. (Galat. 4, 19.)
Eigenſinn und ECigenwillen. Der Eigenſinnige beharrt, wie Eberhard
jagt, bei feinen Meinungen und Entſchließungen gegen alle vernünftige Vor-
ſtellungen , die Andere ihm entgegenſtellen und deren Stärke ex aus Kurz»
ſichtigkeit nicht erkennt. Aus diejem letzteren Grunde kommt der Eigenſinn
bejonders bei Kindern vor. Der Eigenwille iſi ein höherer Grad des
Eigenſinnes , der auf ſeinem Willen hartnäcig beſteht, blos weil er jeinen
Willen haben will, ohne ſich ſelbſt Gründe, warum er dies und nichts An-
deres will, angeben zu können. Er will, was er will, nur weil er es will,
und iſt mißvergnügt, wenn Andere etwas wollen, was ihm gerade jeßt nicht
convenirt. Auch dieſe üble Neigung kommt bei den Kindern häufig vor.
Beide aber, Eigenſinn und Eigenwillen , unterliegen denſelben diätetiſchen
Geſezen. Da der Unabhängigkeits- und Selbſtſtändigkeitstrieb nur dann '
in Eigenſinn ausartet, wenn er zu frühe genährt und irregeleitet wird, jo
ergibt ſich von ſelbſt * daß Eltern und Wärterinnen die Kinder nicht mit
falſicher Zärtlichkeit behandeln ſollen, weil hieraus der Eigenſinn zumeiſt
jeine Nahrung ziebt. Curtmann jagt: „Gäbe es keine unvernünſtigen
Eltern, ſo würde es auch keine eigenſinnigen Kinder geben; bei keiner an-
dern Unart läßt ſi< ein ſo ſicherer Rückſchluß auf die Verſchuldung der
Umgebungen machen. Es hätte nur einer Geltendmachung des vernünf-
jigen Willens gegen den noh unvernünſtigen durc; That und ohne viele
Worte bedurft, fo war kein Reiz zum Eigenwillen im einzelnen Falle und
zum Eigenſinn als Gewohnheit vorhanden. Wo es aber einmal bis zum
Eigenſinn gekommen iſt, da müſſen Zurückdrängungsmaßregeln genommen
werden, damit er nicht his zum Ungehorſam und zur Widerſeßlichkeit er-
wächſt. Dieſe Maßregeln beſiehen abermals in ſparſamen Worten und kräſf-
tigen Handlungen ; wenig Befehlen, aber conſequenter Durchführung des
Befehls. Es bedarf feiner harten Strafen. Dieſe können im Gegentheil
eine ſcheinbare Unterwerfung mit verhaltenem Widerwillen herbeiführen,
welche den Charakter verſto>t , und in Haß und Rache umſchlagen kann.
Sobald es als eine ſich von ſelbſt verſiehende Sache angeſehen wird, daß
das Kind gehor wird, fügen ſich auch ſonſt eigenſinnige Kinder meiſtens. Thun ſie es gleich-
wohl nicht, ſo verbinde man einen empfindlichen Nachtheil mit ihrem Unge-
horſam , ohne die Form der Strafe gerade hervorzuheben ; man laſſe ſie
eine harte Erfahrung machen. Nicht aber, als wenn das einmal ausge-
ſprochene Wort des Erziehers dadurc< zurü&genommen werden und das Kind
wenigſtens augenbli&lich den Triumph feiern jollte, Recht behalten zu haben,
ſondern das Gebot oder Verbot wird nur juspenvirt, und imniter, wieder
hervorgezvgen, wenn der Fall ſich erneuert. Der Erzieher ſeßt der kleinen
Unbeugſamkeit des Kindes ſeine zähere umſichtigere Unbeugſamkeit entgegen,
und jene wird nachgeben. Aber beſſer ift es, es zu ſolchem Widerſtreit
gar nicht kommen zu laſſen, und dem eigenſinnigen Kinde zum voraus
jol Dieſe vorkehrende Behandlung beſteht darin, daß man, die Al neigung gegen
irgend eine Handlung oder Unterlaſſung vorausſehend , dieſer jolche Reize
beifügt , daß das Gleichgewicht hergeſtellt wird. Doch müſſen dieſe Reize
edler Art ſein, damit das Verfahren nicht das Anſehen einer Beſtechung
gewinnt. Daß, wenn das Kind mertt, man wolle ihm etwas angenehm

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