Erbauung, =“ Erbitterung. 475
hängen, ſeinen Einfluß auf Förderung der Charakterbildung zu beſtreiten --
verwirft, verſteht ſich von ſelbſt, da auch das exnſteſte Schauſpiel notorijch
ebenſo zum Schlechten wie zum Guten begeiſtern kann, Heiligung des Ge-
fühls und des Willens aber nimmermehr erzielt wird --- anſonſten die das
Theater am häufigſten beſuchen, die Heiligſten ſein müßten. =- Doch wollen
wir hier noh anführen, was der proteſtantiſche Seminardirektor Dreßler
über den Kultus des Genius ſagt: „Die Genien alleſammt ſind nicht
Gott; ſie regieren nicht das Weltall mit allmächtiger und weijer Hand ; fie
führen unſer Schiſal nicht dur< Nacht und Dunkel zu einem ſeligen Ziele;
ſie reichen uns nicht die Hände im Tode, ſo daß wir ihnen unjern Geiſt
empfehlen könnten ; ſie haben kein Ohr für das bange, bedrängte Herz, das
ſeine Kümmerniſſe betend ihnen vortragen und ſich hiedurc< Erleichterung
gewinnen möchte. Die wahre Erbauung fließt nur aus der Religion und
zwar aus der veinen und unverfälſchten Religion, wie fie Chriſtus gelehrt
hat und fein Kultus des Genius kann ſie erſehen. Zu ihr müſſen wir,
wo ſie verſchmäht worden , zurückkehren, müſſen ihre Wahrheiten dem Be-
wutßtſein der Zeitgenoſſen anſ Erbauliche , das Erhebende , Stärkende, Tröſtende, das in ihr liegt, wieder
fühlbar und wirkjam machen.“
Erbitterung. Der Lehrer hat ſich betreffs der Erbitterung vor zwei
Fehlern zu hüten: a) daß er ſelbſt die Kinder nicht erbittere;
b) daß er ſich nicht von ihnen erbittern laſjje. Er kann ſie näm-
lich auf verſchiedene Weiſe erbittern, vorzüglich aber dadur<, daß er ihnen
hart begegnet, ihre gerechten Klagen bar:h abweiſt, oder ſie züchtiget, ohne
zu Unterſcheiden zwiſchen größerer und geringerer BöSgartigkeit eines Fehlen-
den. Hat er ein Kind durch ſolche Begegnung erbittert, ſo wird er es nicht
leicht wieder umſtimmen ; venn die Erfahrung lehrt, daß Kinder, beſonders
ſolche von zarterer Natur, ſich Jahre lang abgeſtoßen fühlten, wenn ſie er-
„bittert worden waren. Um dies zu verhüten, vermeide der Lehrer unbe-
rechnete unbillige Härte; iſt ein Kind auch roh und troßig, ſo höre er deſſen
Klagen doch an, weil es eben in dieſem oder jenem ſpeciellen Falle, unge-
achtet ſeiner ſonſtigen übeln Prädikate , doch Recht haben kann, jedenfalls
ſteht zu hoffen, daß ein geduldiges Anhören und eine ruhige Unterjuchung
ſolher Klagen ein zur Erbitterung geneigtes Kind beruhige und ihm eine
mildere Stimmung beibringe. Endlich behandle man ein Kind, welchem
es ernſtlich leid iſt, gefehlt zu haben, ſo daß es herausfühlen kann, man
trage ſeiner Reue Rechnung. Hat man ein Kind in der gedachten Art
wirklich erbittert, ſo bleibt dem Erzieher nichts Anderes übrig, als eine gute
Gelegenheit entweder herbeizuführen oder zu ergreifen, wo er daſſelbe wieder
umſtimmen kann; zu jolchen Gelegenheiten laſſen fich gewiſſe Aufträge
zählen , aus deren Verrichtung die Kinder ſich ein Vergnügen machen. --
Umgekehrt ſoll er ſich nicht von Seite der Kinder erbittern laſſen. Da er
es immer in ſeiner Gewalt hat, die Zöglinge für ihre Bergehungen zu
züchtigen, ſo erſcheint es als Charakterſchwäche, wenn er ſic) durc dieſelben
zur Erbitterung treiben läßt. Mag geſchehen, was da will, ſo kann er ſich
wohl entrüſtet fühlen, aber erbittern, auſreizen, unwillig machen laſſe er ſich
nicht. Während eine gewiſſe. Ruhe und Würde, die er bei ihm unange-
- nehmen oder ihn beleidigenden Vorkommniſſen behauvytet, einen tiefen und
heilſamen Eindru> auf die Kinder macht, wird ſie der Zuſtand der Erbit-
terung, worin ſie ihn ſehen, nur dazu verleiten, ihn gering zu ſchäßen, in-
dem ſie. auf ihn das Wort anwenden: „Siehe, er iſt wie einer aus uns!“
* Möge er den Kindern zu verſtehen geben, wie es ihn als einen Erzieher ſ

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.