492 Erziehung, Grenzen derſelben.
fernt, als man ſich der Kirche entfremdet, und wir tragen die Ueberzeugung
in uns, daß Überhaupt alles Chriſtenthum uur darum beſteht , weil die
katholiſche Kirche beſteht. Könnte dieſe zu Grunde gehen, ſo würde zugleich
alles Chriſtenthum vom Angeſicht der Erde verſchwinden. In ihr iſt jolg-
lim) das Chriſtenthum geborgen. Die Erziehung wird ſonach keine liche jein, wenn ſie nicht eine kirc genug , den Charalter ver Erziehung als katholiſch - kirchlich zu bezeichnen.
Sei Jemand ein Staatsminiſter oder ein Dorſſchulze , ſißke man als Abge-
Drdneter in der Ständekammer oder an der Handwerksbank , führe man
den Pinjel des Künſtlers oder die Feder ves Gelehrten, --- man wird nur
inſoweit Zriſtlich erzogen ſein, lijch-kir walten jelbſt die natürlichen Erziehungsmittel zu ſichern und in heilſame Kräſ-
te jür die Wiedergeburt des Menſchen umzuſchaffen. Ze enger man ſich
an ſie anſchließt , deſto vollſtändiger wird man in den Beſiß jener Güter
eingejeßt, welche durc< die Sünde verloren gegangen ſind. Bei dieſem
engen. Anſhluſſe an die Kirche kann man ohne Schaden für die Erziehung
jeden andern Erzieher verlier:n; allein ohne ſie wird es es allen Übrigen
Crziehern nicht gelingen, ven Menſchen zu einem vollkommenen Menſchen
im Sinne des Chriſtenthums zu machen.
Erziehung, Grenzen derſelben. Nur der Menſch kann und ſoll erzogen
werden, denn er iſt erziehungsfähig und erziehungsbedürftig. Aber wann ſol
feine Erziehung beginnen, wie weit ſoll ſie fortſchreiten, wann ſoll ſie auf-
hören? Es hat nicht an ſolchen gefehlt, welche die Anſicht aufſtellten, daß
die Erziehung erſt dann zu beginnen habe, wenn das Kind im Stande ſei,
den jittlichen Werth oder Unwerth ſeiner Handlungen zu erkenney, und wenn
eine leibliche und geiſtige Natur eine gewiſſe Kräftigkeit erlangt habe. Viele
Eltern ſind heute noch der Meinung, es ſei an ihren Kindern ſo lange
nichts zu erziehen, als ſie nicht zu einer gewiſſen Reife des Verſtandes ge:
langt jeien. Solchen Erziehern und Eltern geht eben die Ihanung von der durch die Sünde verderbien Natur des Menſchen ab; ſie
ſind in dem Wahne Rouſſeau's und Baſedow's befangen, welche den
Menjchen für völlig gut von Natur aus hielten, ſo daß man ihn in ſeiner
Entwiälung uur zu leiten brauche. Doch treien die meiſten Pädagogen
viejen Anſichten entgegen und ſprechen fich dafür aus, daß die erziehende Ein-
wirkung ſchon da ihren Anfang zu nehmen habe, wo das Menſchenleben
zu keimen anfängt. (Vrgl. d. A. Erziehungsperioden.) Es fragt ſich nur, .
ob eine jolche Einwirkung auf den im Mutterſchoß zum Leben erwachenven
Menſchenkeim möglich iſt; wird dieſe Möglichkeit zugegeben, dann weiß man
auh , wann die Erziehung ihren Anfang zu nehmen habe. Selbſt in vem
zweiſelhaften Falle, daß auf: das noch ungeborene Kind erziehend nicht ein-
gewirkt werden könne, müßte dieſe Einwirkung verſucht werden. Ebenſo
verhält es ſich mit der erſten Zeit der Kindheit. „Die Erziehung ſoll das
wahrſcheinlich Heilſame und jedenfalls Unſchädliche ſo ſrüh als möglich ver:
ſuchen. (Curtmann, 1. S. 19.) Auf welche Höhe ver Zögling durch die
Erziehung gehoben werden ſoll, iſt im Allgemeinen in dem Begriffe varge-
legt, den wir von der Erziehung oben gegeben haben. Genau läßt ſich die
Linie nicht beſtimmen, bis zu welcher hinauf jedes Jndividuum erzogen
werden joll. Endlich jragt es ſich noh: wann die Erziehung aufhören ſoll?
Zm Grunde genommen und vom kir zieht jich die Erziehung durch vas ganze Leben des Menſchen hindurc< und
hört erſt mit dieſent auf. Es gibt an dem Menſchen ſtet3 etwas zu ver-
veſjern und zu vervollkommnen, ſollte er auch ſo alt werden wie vie Väter
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