530 Extenſive Bildung.
Extenſive YVildung. Unter extenſiver Bildung verſieht man --- dem
Wortſinne nach -- jene Bildung, welche ſich auf den Umfang; die Aus-
dehnung, Erweiterung und Vermehrung der Kenntniſſe bezieht, und inſoſerne
mit materieller Bildung gleichbedentend iſt. Der Zwei der extenſiven Bil-
dung iſt die Befähigung für die äußern Berufs8- und Lebensthätigleiten, und
wird durch Mittheilung und Belehrung bewirkt. Sie wird folglich nach
Verſ fang haben. Wenn übrigens von materieller oder extenſiver Bildung die
Rede iſt, ſo. will damit nicht --- wie gewiſſe Pſychologen annehmen --- ein:
ſeitigerweiſe gemeint jein, daß ſie für ſich ohne ein formales Bildungs-
moment und ohne Einfluß auf die formelle Bildung (wel tenſive genannt wird) beſtehe, ſondern es will damit nur das eine der
beiden Elemente, in welche ſich der Begriff der Bildung vom Standpunkte
der Gegenſtändlichkeit zerlegen läßt, hervorgehoben werden, Die extenſive
Bildung kann in zwei ſich entgegenſtehende Fehler verfallen, wenn ſie
nämlich ihren Umfang zu ſehr einſchränkt oder zu ſehr erweitert. Die Ge:
fahr des erſtern Fehlers iſt zur Zeit nicht vorhanden, eher laborirt die Ge-
genwart an dem zweiten Fehler. Nicht nur die Zahl der Unterricht8gegen:
jftände, auch vieſe ſelbſt werden ſtofflich erweitert, und die Forderung, daß
die Volksſ umfaſſender genüge, vermehrt den Unterrichtsſtoff derart, daß zu befürchten
ſteht, ex könne nicht gründlich behandelt werden. Die zu große Anhäufung
dieſes Stoffe3 führt nothwendig zur Verſlachung, weil er weder von Seite
des Lehrer3 noch von jener der Schüler hewältiget werden kann. In der
Veberfüllung mit Lehrſtoff iſt mitunter der Grund des UVebelſtandes zu
juchen, daß ein großer Theil des Erlernten gar j9 bald wieder vergejſen
wird. Auch läßt ſich nicht verkennen, daß der MechaniSmus im Unterrichten
und Lernen in dem Maße zunimmt, in welchem die Materie anwächſt.
Dieſe Gefahr wird um ſo größer, wenn nicht auch in gleihem Verhältniſſe
die Unterricht3- oder Schulzeit erweitert wird. Man kann die Erfahrung
maden, daß Leute, welche ſich für berufen halten (ohne daſür befähiget zu
jein), über die Volksi ſive Bildung Zumuthungen machen, welche erſt das ſpätere Leben hbeſrie-
digen kann. Man vergißt jo gerne, was Dieſterweg ſagt: „Der Ele-
mentarunterriht wie der ReligionsSunterriht kann nur die Anfänge der
Bildung bringen. Mag man die Methoden verbeſſern, wie man will, es
geht nicht über den Kinderunterricht hinaus. Bi38 zum zwölften und fünf:
ehnten Jahre iſt und bleibt der Menſic< ein Kind an Verſtand und
Gahren.“ Hiemit Übereinſtimmend jagt Scherr (Organiſation der Volk3-
jhule): „Die Täuſchung, daß der Knabe das wirklich begreifen könne, was
nur dem denkenden Jünglinge und dem verſtandesreifen Manne zur Ein-
ſimt kommen kann, iſt allgemein. Jndem man ſich abmüht, die Lehren,
Erfahrungen und Bedürfniſſe des ganzen Lebens in die Kinderjahre her:
einzuziehen , die für das ganze Leben ausreichen ſollen, handelt man im
Ichrofſſten Gegenjaße zur Kindesnatur.“ €Es8 gibt alſo für die extenſive
Bildung, welche die Volksſ auf Unkoſten der intenſiven Bildung überſchritten werden können. Der
weiſe Schulmann wird ſonach nicht darauf jehen, daß er mit jeinen Kin:
dern dur eine Maſſe von Kenntniſſen, die ſie erlernten, glänzen kann,
ſondern er wird ſich rücfſichtlich der extenſiven Bildung von dem Grundſaßt
leiten laſſen: der materielle Umfang des Unterrichts ſtoffes
darf nur inſoweit ausgedehnt werden, als e3 jich mit dei
gründlichen Aneignung dejjelben verträgt. Damit joll indeſ
nicht geſagt ſein, daß irgend eine berechtigte Forderung der Zeit an di:

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