Full text: A. bis F. (Formaler Unterricht) (1)

Formelle Bildung. 637 
den freien Willen aber ſo einzuwirken, daß er ſtark genug wird, intmer die 
rec<te Richtung einzuſchlagen und die rechte Wahl zu treffen, und aus den 
beſten Beweggründen zu handeln. Sie hat ihn an Gehorſam, Ordnung, 
Fleiß , Aufrichtigkeit , Rechtlic<keit , Selbſtbeherrjhung, Verträglichkeit 2c. zu 
gewöhnen. Daß ſie bei dieſer ihrer geſammten Thätigkeit zuglei<ß heilpäda- 
gogiſ<q zu verfahren habe , verſteht ſich von ſelbſt. Sie behandelt daher 
auch die ſittlihen Gebrechen und Alles, was auf die Entwieklung der vor- 
genannten Vermögen einen' hemmenden oder fördernden Einfluß übt , alſo 
inSbejondere, was in dieſen Vermögen ſelbſt Krankhaftes ſich vorfindet. 
Während ſie aljo auf der einen Seite poſitiv verfährt (poſitive formelle 
Bildung), indem ſie die körperlichen und geiſtigen Anlagen und Kräfte des 
Menjc<en anregt und leitet, geht ſie auf der andern Seite negativ zu Werk, 
indem ſie etwaige Schäden und Ausartungen jener Anlagen beſeitigt und 
fernehält. --- ES leuchtet ein, daß ſie eine ſehr wichtige Stelle in der Er- 
ziehungswiſſenſ<aft einnimmt und man kann ſagen, daß es mit dieſer leß- 
tern um Vieles bejſer ſteht, ſeitdem die formale Bildung auf anthropolo- 
giſ<er Grundlage beſſer bearbeitet wurde. Freilich kann man auch hierin 
zu weit gehen und iſt vielfach zu weit gegangen, indent man, abſehend von 
den Forderungen des practiſchen Lebens, in der Schule oft behandelte, was 
rein nur zur Exercirung der Denkkraft diente, wie 3. B. die Sprach- und 
Zahlenlehre. Da es aber einem ſolchen Exercitium nachher an den erfor- 
derlihen Uebungen fehlte, jo ging deſſen Werth faſt gänzli< verloren und 
erſchien mehr nur als ParadeſtüC; daher kam man auch zu der doppelten 
Veberzeugung , daß nur jene formelle Bildung anzuſtreben und gehaltvoll 
ſei, welche ſich an das wirkliche, innere und äußere Leben anſchließe, und 
daß man irre, wenn man dafür halte, e8 gebe ein An- und Fürſichſein der 
formellen Bildung, jo daß das Formale in der menſ<lihen Seele ohne das 
Materiale, von dem e3 geſchieden ſei, entwielt werden könne , wie man 
denn das Wie ohne das Was nicht wohl zu denken vermag. Die formale 
Bildung kann nur dur< die materiale zu Stande kommen, daher bleibt es 
für jene der oberſte Grundſaß, ihre Mittel aus dem Bereiche der 
lebtern ſtet3 mit Rüäſicht auf die Anforderungen de3 prak- 
tiſ<en Lebens zu wählen. Wird dieſer Grundſatz mißachtet, ſo geht 
die formale Bildung in einen geiſttödtenden Formalismus über, was ſich 
in mancher Schule ſc<wer rächt, wo die Schüler in Löſung der ſc<wierigſten 
Rechnungsbeiſpiele eine große Gewandtheit zeigen, während ſie bei einem 
ganz einfachen Exempel des täglichen Lebens verlegen werden. Können ſich 
die Seelenvermögen nicht ohne Anregung .entwickeln,. ſo ſoll auch die" lektere 
von der Art jein, daß dem Zöglinge ein realer Leben8gewinn daraus ex- 
wächſt. Selbſt bei den Anfängern muß dieſe Rüſi<t möglichſt im Auge 
behalten werden, weil dadurc< der Unterricht raſcher verlauft und erfolg- 
reicher wird. Mit dieſer Bemerkung wollen wir jedo< die materiale Bil- 
dung nicht über die formale erheben, ſondern dieſe vor einem Extrem, näm: 
li< vor dem dcs leeren abſtrakten Formalismus bewahren. Die formelle 
Bildung bleibt immerhin der Hauptzwe> des Jugendunter- 
ric<htes, weil ſie den Menſchen mehr als die Kenntniſſe und Fertigkeiten, 
die er fich in der Schule angeeignet hat , befähiget, ſich weiter und ſelbſt: 
thätig fortzubilden. Sind nämlich ſeine Anlagen ZM einem kräftigen Leben 
erwedt und zur Selbſtthätigkeit befähiget, dann wird es ihm nicht ſ<hwer 
fallen , ſeine Schulkenntniſſe zu ergänzen, zu erweitern, zu vermehren, wo- 
gegen ihm die lehtern wegen ihres relativ geringen Umfanges wenig nüßen, 
wenn es ihm an formeller Bildung fehlt. --- Obwohl, wie vorhin bemerkt, 
formale und materiale Bildung nic<t gänzlich getrennt und ganz geſondert 
behandelt werden können, ſo hat doch der Lehrer zu unterſcheiden und zu
	        

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