146 Gefühl -- Goeſühlsvermögen,
glaubt man insgemein dadur< Rechnung zu tragen, daß man die Zöglinge
mit Kenntniſſen vollpfropft ; allein nicht dieſe, jondern die Freude an de1
Wahrheit in ihrer Beziehung zu unſerer Beſtimmung iſt das, was man
intellectuelles Gefühl neunt. Wer dur< die Wahrheit zu der Erkenntniß ge-
langt, daß ex mit ihr ein Kind des wahrhaftigen Gottes werde, wird in jene
Stimmung verſeßt, welche ihm die Wahrheit als heilig und theuer erjchei-
nen läßt, und dies iſt ein intellectuelles Gefühl. Weiß der Menſj Wahrheit ſeine höchſten und ewigen Intereſſen geborgen, jo entſteht in ihm
ein inniges Vergnügen an dex Wahrheit == ein intellectuelles Gefühl. Wie
ander3 aber mag dieſes erregt und gepflegt werden , als gerade dadurch,
daß man dem Zöglinge zeigt, wie das Weſen ſeines Geiſtes in der Wahr-
heit beſtehe und wie alles Unwahre dieſem Weſen immer und ſc widerſpreche; wie der Beſiß der Wahrheit , die Aufhellung und der Sieg
derſelben jeden guten Geiſt beſelige und es folglich in ſeinem innerſten Jn-
tereßje liege, die Wahrheit kennen zu lernen, zu lieben und zu bewahren.
„Zſt dieje Ueberzeugung in vem Kinde durc lage des intellectnellen Gefühles gelegt und «befeſtigt. Daß man jedoch zur
Begründung derſelben nicht mit allgemeinen Sprüchen ausreiche , jonderu
ji) auf einzelne Lehrſäße und Beiſpiele beruſen müſſe , verſteht fich von
jelbſt. E35 kann die Abſicht des Erziehers mur fördern , wenn er die Zög-
linge auf die übeln Folgen hinweiſt, welche Unwiſſenheit und Jrrthum nach
ſich ziehen. Hiezu ſieht ein reicher Vorrath von Beiſpielen aus dem täg-
lien Leben wohl jedem Erzieher zu Gebot. Dieſer muß jedoch ſein eige-
nes Wahrheitsgefühl in die Wagſchale fallen laſſen. . Stapf jagt: „Die
Wahrheit muß dem Erzieher ſelbſt allezeit ehrwürdig und heilig jein. Er
zeige dieſe ſeine Verehrung bei jeder Gelegenheit, nicht bloß mit Worten,
jondern vorzüglich durch ſein Beitpiel -=- dur< ſeinen regen Eifer in eigener
Fortbildung , durch herzliche Freude bei neuen Gntde&ungen und durch un-
geheuchelie Achtung für Alles, es mag alt vder neu jein, wenn es mir
wahr ift.“ €Es gilt beſonders dem Katecheten die Mahnung, ven Unterricht
jv anziehend und lebendig zu machen , daß ſich das Gefühl für Wahrheit
augejprochen findet. Wird ver Unterricht ven Kindern zur Laſt, dann iſt
an eine Wedung des Wahrheit8gefühls nic müſſen auf die Gefahren, welche dem intellectuellen Geſühle drohen, oft
und /peciell hingewieſen werden ; insbeſondere warne man ſie vor jenen
Vagabundentprüchen, welche gegen wiſſen, als daß ſie dieſelben für unmöglich erklären, für Fabeln oder Nfaf-
jentrug halten , oder kurzweg und ohne etwas zu beweiſen , ſagen : „Du
wirſt doch nicht ſo dumm ſein und Solches glauben.“ QWGegen folhe ge-
meine, aber doch nicht unwirkſame Angriſfe auf die Wahrheit müſſen die
Zöglinge ausreichend gewaffnet werden. -- 5) Es iſt ſchon oben darauf
aufſmertſam gemacht worden, wie viel daran liege, daß die ſittlichen
Gefühle gehörig cultivirt werden. «) Das Grundgefühl der Moralität |
kann erjt dann erwachen , wenn der Zögling ſeiner überſinnlichen Würde,
jeiner Sündhaftigkeit und ſeiner Abhängigkeit von Gott re wußt iſt. Dieſes Bewußtſein hat der Erzieher herzuſtellen. Er weiß, daß
vavon alle Selbſtachtung wie alle Selbſtkenntniß abhängt , de8gleichen alle
Liebe zur Tugerd , aller Abſchen vor dem Böſen. Ein ſolches Bewußtſein
treibt den Menſchen, der ſittlichen Stimme (vem Gewiſſen) zu folgen. 8) Es '
muß Alles vermieden werden , was den Ernſt und die Heiligkeit des ſitt-
lichen Gefühles ſchwächen könnte. Der ſittliche Zartſinn iſt hei Kindern .-
leicht verleßt, ein Wort, ein Bliä , ein Lächeln reicht dazu hin ; darum iſt -
die größte Vorſicht erforderlich. Es iſt viel leihier, den ſütlicgen Sinn un- |
verjehrt zu bewahren, als ihn wieder feſtzuſtellen , nachdem er erſchüttert

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