Rirchenlied. 637
Im katholiſchen Kult tritt dagegen das euchariſtiſche Opfer in den Vorder-
grund und dieſem entſprechen auch die geheinnißvollen Klänge einer
liturgiſ ver römiſchen Kirc und ergreiſen, der des Textes nicht kundig iſt. Es beſteht alſo in der
katholiſchen Kirche das Bedürfniß nicht in dem Grade, wie in der prote-
ſtantijchen. Zuleßt könnte man auch ganz einfach den unbeſtrittenen Saß
aufſjtellen: man kann Jahrhunderte vorher nicht verlangen, was wir in
nachfolgenden Jahrhunderten als etwas bereit8 Gewöhnliches vorfinden.
Allein die obige Behauptung entbehrt auch der realen Unterlage und das
einzige, was daran wahr iſt, beſchränkt ſich darauf, daß die proteſtantiſche
Kirche hundert Jahre vor uns ihre Hymnologen hatte, und daß die
Katholiken der Geſ zuwendeten. Wie aber, wenn man proteſtantiſche Schrifiſteller hört, der
Born aller Weisheit erſt ſeit der Reformation wieder zugänglich gemacht
worden, alſo ſprechen auch die proteſtantiſchen Kir Neuen, was ſeit der Reformation erſtand, auc< das Alte, bereit8 Vorge-
jundene , der neuen Kirche zu und die vereinzelten Widerſprüche katholiſcher
Schriftſteller konnten um ſo weniger zur Beachtung gelangen, als ſie von
keinen wiſſenſ des katholijſ (Koburg 1775. 1. Bd.) hat zuerſt, unſeres Wiſſen8, die Aufmerkſamkeit auf
diejen Gegenſtand gelenkt. Sodann waren es einzelne Zeitſchriften, die
Athanaſia von Benkert (1828) und die katholiſche Literaturzeitung
von Kerz (1828), welche die Ehre der katholiſ angelegen jein ließen. In der neveſten Zeit ſind katholiſche Spezialwerke
erſchienen, welche mit jo glüälihem Erfolge auf dieſem Felde gearbeitet
-haben, daß auch billige Proteſtanten, wie Häuſer, Koh, Schauer
undjogar Hoffmann von Fallersleben in ihrem Urtheile der Kirche
gerechter geworden ſind, .
Cs lag aber auch in den äußeren Verhältniſſen der neuen Kirche, daß
ſie eher als die Katholiken eine Geſchichte des Liedes hatten. Die katho-
liſ und ihre Verfaſſer waren meiſt unbekannt. Beim Ausbruche der Reforma-
tion hatten die Katholiken keine Urſache, die katholiſchen Lieder hinzugeben,
im Gegentheil lag für ſie Urſache genug vorhanden, um ſo feſter am Alt-
bergebrachten zu halten und den ſo liebgewordenen Schaß nicht fahren zu
lafjen. Umgekehrt war es bei den Proteſtanten. Es iſt bekannt, wie das
Lied bei allen politiſchen Parteien, wie bei allen religiöſen Secten eine ſo
große Rolle ſpielt. Es iſt das geeignetſte Mittel, neue Anſichten unter dem
Volke fortzupflanzen und jede Begeiſterung ergießt ſich im Geſange. Dazu
fam noch, daß die alten Lieder von den Neubekehrten nicht mehr geſungen
werden konnten, weil ihr Inhalt der neuen Lehre nicht .mehr entſprach.
An der Stelle der alten Lieder, die man das Volk nicht mehr ſingen laſſen
konnte, mußte man nun demſelben neue darbieten. Viele alte Lieder, die
das Voll ſich nicht nehmen ließ, wurden „ liebgewonnenen Weiſen wurden nene Texte unterſ ren aller dieſer Neuerungen bekannt waren, ſo läßt ſic< leicht denken, daß
bei jo bekannten Daten eine Hymnologie auf proteſtantiſcher Seite leichter
möglich war, als auf katholiſcher, und da überdies viele ganz alte Lieder,
die keinen vogmatiſchen, ſondern nur einen erbaulichen Inhalt hatten, un-
verändert in manche proteſtantiſche Geſangbücher übergingen, ſo wurde den
Katholiken bald ſelbſt ihr Eigenthum ſtreitig gemacht, Nach dieſen all:
aomoinen Bemerkungen gehen wir zum Beſonderen über.

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