Naturali8mus. =“ Naturell. 399
.. ſie ſelbſt in ihrem Begriffe bereits als orklärt exſ in der Erziehung verſteht ſich aber ſo ſehr von ſelbſt, daß ſie bei jedem
Erzieher vorausgeſeßt werden muß, indem man ſich vernünftigerweiſe keinen
Erzieher denken kann, der naturwidrig erziehen wil. Es wäre Wahnſinn,
die Geicke des Geiſtes und die Regeln, nach welchen-ſich die geiſtigen Kräfte
entwideln, umgehen zu wollen. Doch darüber beſteht nirgends eine Schwierig-
keit ; wohl aber kommt und bringt man in Verlegenheit, wenn nach dem,
was „naturgemäß“ iſt, geſragt wird. Hier gehen die Meinungen und An-
ſichten auscinander und ſind nirgends als auf dem Grund des Chriſtenthums
zu vereinigen, injoweit es ſi um Erziehung handelt, --
Naturell. Die häufigen Verwechslungen der Begriffe: Naturell, In-
dividualität und Temperament macht es nothwenvig, daß wir eine Erklärung
darüber geben, und ſofort die pädagogiſchen Rückfichten bezeichnen , welche
der Erzieher darauf zu nehmen hat. =- Die Begriffe „Naturell“ und „In-
dividualität“ ſind ſo miteinander verwandt, wie Wurzel und Stamm, oder
Kraſt und Wirkung. Die Judividualität geht aus dem Naturell hervor,
aber nicht umgekehrt. Die Judividualität iſt mehr eine Erſcheinungsweiſe,
das Naturell eine Seinsweiſe. Die Jndividnalität iſt mehr eine angeeignete,
das Naturell mehr eine angeborne Beſchaffenheit. Bei der Ausprägung
der Zudividualität wirken verſchiedene Factoren mit, während das Naturell
auf Naturgaben ruht, weßhalb es auch als ein Urſprüngliches im
Men)j gen jeines Fühlens und Begehrens vorhergeht und auf ſie Einfluß hat.
Daher kann man es auch die aus ſinnlichen und geiſtigen Natur-
gaben hervorgegangene EGigenthümlichkeit des Menſchen
nennen. Da dieſe Eigenthümlichkeit , weil ſie auſ Naturgaben beruht,
einer ganzen Gattung zukommen kann, ſo leuchtet ein, daß ſich das Naturell von
- der Fudividualität wejentlich unterſcheidet; denn dieſe können wir nicht von
- einer Gattung, ſondern nur von einem Individuum (Einzelweſen) ausſagen;
man ]pricht richtig von einem Naturell der Franzoſen, man ſagt aber nicht :
die „zudividualiiät der Franzoſen. Mau ſagt von dem weiblichen Geſchlechte:
es habe ein weicheres Naturell als das männliche; nicht aber, es habe eine
weichere Individualität. Das richtige Verhältniß beiver wird am einfachſten
dadurch gekennzeichnet, daß man ſagt, die Individualität entwickele ſich aus
vem Naturell, ohne jedoch dieſes aufzuheben. Auch beſteht noch ein Unter-
- Jchied beider darin, daß die Individualität ſich in einem einzelnen Geiſtes8-
ſyſtem (Denken , Fühlen , Wollen) vorwaltend ausprägen und manifeſtiren
kann, während das Naturell, ſchon zufolge ſeiner Verbaldefinition, die ganze
Natur des Menſchen in Beſiß nimmt; wir dürfen 3, B. nur an den Nord-
oder Südländer denken; es drückt ſich bei ihm das Naturell nicht bloß in
diejem oder jenen! Geiſtesſyſteme, ſondern in allen Bewegungen ſeines
Geiſtes aus, wie denn auch die Aeußerungen ſeiner Sinnlichkeit einen andern
Stempel an ſich tragen. Zwar iſt nicht zu beſtreiten, daß ſich die Indi-
vidualität auf mehrere oder alle Geiſtesſyſteme zugleich erſtre>en over aus-
breiten kann ; allein immerhin erſ< eint ſie erſt dann als ſolche , wenn
ihr Vorwalten in einem jener Syſteme erfannt wird. Das Naturell
hat fonach einen größern materiellen Umfang als die Individualität. Wie
es ſich zum Temperament verhalte, wird an ſeinem Orte (ſ. d. A. Tempe-
rament) dargelegt werden. Curtmann bezeichnet das Naturell als eine
Species der Individualiät, wenn er ſagt: „Die Judividualität, welche man
halb körperlichen , halb geiſtigen Anlagen beimißt, nennt man Naturell bei
Menſchen und Thieren.“ (Lehrbuch der Erziehung. 1. 8. 1.) Dieſe Be-
zeichnung Findet in dem Voranſtehenden ihre Würdigung, 'Von dem menſch-

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