Verleumdung. = Vernunft. 5351
vie Kirche und ihre Diener 2c. geſchmäht und verdächtigt werden. Man
erinnere ſie oft an das Wort des Herrn: „Was ſiehſt du den Splitter in
vem Auge des Nächſten ? zieße vorerſ« ven Balken aus deinem eigenen
Auge. Richiet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ Nur wo Amt,
Pflicht, das Seelenheil Anderer 2c. es fordert, darf und muß man jich
um fremde Fehler bekümmern in der Abſicht, ſie abzuſtellen, oder einein
Schaden zu verhüten. Angebereien von Seite der Kinder, welche aus
offenbarer Bosheit oder Schadenſreude entſtehen , jollen nicht geduldet wer-
ven. Man warne die Schüler und Zöglinge, daß ſie nicht vorwißig nach
fyemden Fehlern forſchen , denn der Vorwiß erwe>t Argwohn und frevent-
liche Urtheile. Als Hauptregel haben ſie fich zu merken , daß ſie weder
ſc ihnen endlich ein , daß die verleßzte Chrve wieder zurüdgegeben und der aus
der Verleßung entſtandene Schaden gut gemacht werden müſſe. Ganz be-
ſonders zeige man ihnen, wie unſtatthaft, ſträflich und gefährlich es ſei,
gegen geiſtliche oder weltliche Vorgeſehte, gegen Erzieher, Lehrer und alle,
die in einem öffentlichen Amte ſtehen, üble Nachreden zu führen, von ihren
Fehlern zu reden 26. Oft thun ſolches Cltern vor- ihren Kindern, und zer-
ſivören dadurc< Liebe und Achtung gegen geiſtliche und weltliche Lehrer.
111. Der Lehrer felbſt muß a) feinen Standesgenoſjen, b) den
Schülern und deren Cltern, ce) jeinen Vorgejehten gegenüber jirxenge darauf
ſehen , daß er ſich keiner ehrverleßenden Vergehungen ſchuldig macht. Er
tritt feiner eigenen Ehre auf den Kopf, wenn er ſich gegen jeine Amts-
hrüder in Verdächtigungen und BVerkleinerungen ergeht ; denn es braucht
nicht viel Einſicht, um zu merken, daß er dies lediglich aus Neid oder im
Intereſſe ſeiner Selbſtſucht thut. Cben jo geſehlt iſt es, wenn er den
Findern eiwas vorhält oder nachfagt, was ihre Chre jmälert, namentlich
wenn er es thut aus ſühlharer Leidenj Dienſte der Erziehung. Auch das Kind hat ein feines Chrgefühl, und merkt
es ſogleich, wenn es ungerecht oder lieblos an ſeiner Chre behandeli worden
iſt. Einen gleich guten Takt beobachte der Lehrer hinſichtlich der Eltern
ſeiner Schüler, die er vor diejen niemals direct herunterjehen oder be-
ſchimpfen darf. Er kann im Allgemeinen von den Fehlern reden, welche
in der häuslichen Erziehung begangen werden, aber er darf einem Schüler
nicht ſagen : dein Vater iſt gewiſjenlos, oder : deine Mutter iſt unverſtändig
und blind gegen dich. Er ſoll ſo viel Muth und Unabhängigkeit ſich eigen
gemacht haben, daß er ſich getraut, den Eltern der Schüler unter vier
Augen vorzuſtellen , was ex an den lehtern Ungehöriges bemerkt. Die
Ehre ſeiner Vorgefeßten muß ihm unverleßlich jein. Er kann ſich leicht
verſucht fühlen , ſie in ſeiner Weije zu verleumden ; allein das wäre ein
doppeltes Vergehen ; einmal als Ehrenverleßung jelbſi, und dann als An:-
griff auf einen Vorgeſezten und als Dru> auf deſjen Wirkjamlteit,
Veruunſt. Dieſe höchſte und edelſte Kraft de3 menſchlichen Erkenntniß:
vermögens iſt zugleich der höchſte und edelſte Gegenſtand der Grziehnng und
des Unterrichtes. Sie mag als das Auge des ganzen geiſtigen Drganis-
ums betrachtet werden, von welchem das Wort des Herrn gilt: „Das Licht
deines Leibes iſt dein Ange. Wenn dein Auge einſältig ijt, jo wird dein
ganzer Leib erleuchtet ſein.“ Luk. 11, 34. Zuerſt müjjen wir dieje herrliche
Kraft kennen lernen, um zu erfahren, wozu ſie uns befähiget ; ſodann
wollen wir die Art und Weiſe ihrer Ansbildung darſtellen.
1. Die Vernunft (lat, ratio) iji im weitejien etymologiſchen Sinne
das Vermögen zu vernehmen, oder jene Seite und Richtung der Denk:
kraft, wornach dieſe das Ueberſinnliche zu vernehmen und zu erkennen
hefähigt iſt. Da aber in einer ſolchen Erlennutniß von den Beziehungen des

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