Full text: Die Theorie und die Entwicklung des Bildungswesens (1)

Die griechiſch-römiſche Bildungswelt 
ls die Goten die pontiſche Landſchaft und den Balkan erreichten, betraten ſie einen 
.O € Raum, der unter der Strahlung ſpätantiker (weſtrömiſcher und oſt- 
römiſcher) Kultur lag. Unter dem Einfluß dieſer Strahlung haben ſie ſic auf eine 
höhere Stufe des Bewußtſeins geſtellt, alſo innere Kräfte frei- 
gemadt.“ So leſen wir oben 5. 86. Edehart „benutzt das Neuplatoniſche 
um ſich in ſeiner Ausdrudsmöglichkeit zu ſteigern“. (58. 114.) 
Wie iſt dieſe Wirkung no der ſpäteren Ausläufer eines Volkes möglich, deſſen Eigenart 
ſic) urſprünglich auf einem Raume ausbildete, der einem geringen Bruchteil deſſen ent- 
ſpricht, was die germaniſchen Völker in ihrem mächtigen Hin- und Herfluten erfüllten 
und ſchließlich behaupteten? 
„Beide Vorfälle ſtammen aus einer Welt, die nicht als Bildungsziel hat, 
im Leben ein überwirklich vollkommenes Vorbild na<hzu- 
bilden" (Ss. 102). „Der Staat als ein Ordnungsganzes, das von 
einem Mittelpunkt aus mehr oder minder diktatoriſch nad) allgemeinenGrund- 
ſäßen verwaltet wird, iſtkeine germaniſche Schöpfung" (S. 108). Hiermit 
ſind die beiden Leiſtungen der griechlſch-römiſchen Art bezeichnet, und ſie ſollen im 
folgenden aus ihren Wurzeln im echten alten Hellenentum dargeſtellt werden. Die 
Aufgabe gebietet die Beſchränkung auf die griechiſch-römiſche Bildungswelt, und 
wie organiſch auch die Bildungswelt dieſes Volkes grade mit ihrer geſchichtlich-natur- 
haften Prägung zuſammenhängt, der elementare Beſtand dieſer naturhaften Menſchlich 
keit muß hier als Vorausſezung betrachtet werden; er wird als ſolcher nicht entwidelt 
werden. Gerade neben einer Darſtellung der „germaniſchen Art“ muß aber wenigſtens 
einleitend ausdrüdlich der Blid auf die urſprünglichen Bereiche der griechiſchen Art 
gelenkt werden, die den Bau der Bildungswelt tragen. Der archaiſche Muthus iſt erfüllt 
von den Geſtalten heroiſchen Sinnes, von den Beiſpielen eines der Sippe bis ins Leßte 
verhafteten und in dieſem engen Raume ſid ſelbſt vernichtenden Heldentums. Wenn 
im folgenden [chon an den früheſten Geſtalten eine <arakteriſtiſche Note, das Streben 
nah einer Befreiung und Aufhellung des Daſeins durch vernünftige Beſinnung betont 
wird, ſo darf der Eindrud nicht entſtehen, als würde dur dieſen aus den eigenen Lebens- 
kräften ſic) emporringenden Willen zur Bändigung und Selbſtformung die urſprüng- 
liche naturhafte Uraft gebrochen und geſchwächt. Die griechiſche Geſchichte, nicht bloß 
das im Mythus der Tragödie ſid) ſpiegelnde Leben der Vorzeit, zeigt uns die gegen alle 
die mäßigenden und beruhigenden Antriebe immer wieder zurüdſchlagenden LAusbrüche 
einer ungebrochenen Kraft, eine unbedingte Hingabe eigenen und fremden Lebens bis 
zur Selbſtvernichtung. Die Tragik und damit das politiſche Schidſal des alten Griechen» 
land liegt darin begründet, daß die Polis die inneren Spannungskräfte der blutmäßig 
verbundenen Sippe nur allzuſehr ſich bewahrt hat. Der Zeitgenoſſe der Perſerkriege, 
Keſchylus, wußte, wie innerlich gegenwärtig der Ausgleid) der Polis und der Sippen- 
moral immer noch war, den er in den „Eumeniden“ (vgl. u. S. 136) in mythiſcher Form 
zum Hustrag brachte. 
Erſt wenn man dieſen Untergrund des eigentlichen Lebens immer lebhaft mit hin-
	        

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