Full text: Allgemeine Didaktik und Erziehungslehre (3)

120 Sehlerbefämpfung 
I 
Wir ſind mit dieſem kurzen geſchichtlichen Ausblid bereits auf verſchiedene Fragen 
des Sehlerproblems geſtoßen, die Anlaß zu eingehenderer Betrachtung geben könnten. 
Damit dies aber im richtigen Zuſammenhang geſchehe, müſſen wir zunächſt einige 
Grundfragen erörtern. Was iſt überhaupt ein Zehler? Die Antwort darauf erſcheint 
ſelbſtverſtändlich, iſt es aber ganz und gar nicht, Bis zum heutigen Tage ſtößt man ſelbſt 
in wiſſenſchaftlichen Schriſten auf eine gedankenloſe Vermengung der Begriffe „Irrtum“ 
und „Sehler"; und do könnte ſchon der Sprachgebraud zeigen, daß es ſich bei beiden 
Begriffen um verſäjyiedene Dinge handelt. Wir ſagen 3. B. zu einem Menſchen „Du 
irrſt dich", d. h. Du befindeſt did) in einem Irrtum. Man kann aber nicht ſagen: 
„Du befindeſt dic in einem Sehler." Umgekehrt ſagen wir: „Du machſt einen Sehler", 
aber nicht: „Du machſt einen Irrtum," Schon dieſer kurze Hinweis, den man leicht 
durch weitere Überlegungen ſtüßen kann, zeigt, daß der Irrtum einen Zuſtand, der Fehler 
aber eine Handlung darſtellt. Wir reden vom „Opfer“ eines Irrtums und geben damit 
der Überzeugung Ausdrud, daß der, der dem Irrtum verfallen iſt, nicht dafür verant- 
wortlich gemacht werden kann. Aber wir reden nicht vom Opfer eines Fehlers, ſondern 
vom Urheber eines Sehlers. Auch dieſe Gegenüberſtellung zeigt, daß der Menſch ſid) 
im Irrtum paſſiv, in der Fehlleiſtung hingegen aktiv verhält. Wir können hier nicht 
eingehend darlegen, wie der Irrtum und wie der Fehler zuſtande kommt, In meiner 
„Pſychologie der Sehler“ (S. 3 ff.) habe ich nachgewieſen, daß der Irrtum auf der Un- 
kenntnis gewiſſer Tatſachen beruht, die für die richtige Erkenntnis von weſentlicher Be- 
deutung ſind, während der Fehler dur< das Derſagen einer oder mehrerer der drei 
Leiſtungsfunltionen der Auſmerkſamkeit, des Gedächtniſſes und des Denkens bedingt iſt. 
Dieſe Begriſſsbeſtimmung gibt uns ſchon einen erſten Hinweis auf die Aufgaben der 
Sehlerbekämpfung. Wenn das Verſagen der Aufmerkſamkeit, des Gedächtniſſes oder 
der Denkkraft des Menſchen ſeine fehlerhaften Leiſtungen verſchuldet, dann gehört zu 
einer wirkſamen Sehlerbekämpfung ganz gewiß und ſogar als eine ihrer vornehmlichſten 
Aufgaben die Stärkung dieſer drei ſeeliſchen Funktionen. Es kann nicht im Rahmen 
einer kurzen Abhandlung im einzelnen dargelegt werden, wie dieſe Stärkung erzielt 
wird; aber das weiß jeder Erzieher, daß die Pflege der Aufmerkſamkeit, des Gedächt- 
niſſes und des Denkens eine ſtändige Aufgabe und Begleiterſcheinung der ganzen Schul- 
arbeit iſt. Jede Leiſtung der Schüler, wie ſie ſein ſoll, jede geiſtige Kufnahme, die irgend- 
wie die Seele befruchten ſoll, erfordert Aufmerkſamkeit und bedeutet eine Übung in ihr; 
jedes Aufnehmen, Bewahren und Wiedererzeugen von Vorſtellungen bedeutet eine 
Übung des Gedächtniſſes ; jede abſtrahierende Tätigkeit, jedes Ordnen, Beziehen, Der- 
gleichen, Begründen, Urteilen iſt ein fortwährendes Crziehen zu klarem, folgerichtigem 
Denken. Dieſe immer erneute Gymnaſtik des Geiſtes iſt zweifellos eine ſehr ſchätzens- 
werte Bundesgenoſſin im Kampfe gegen die Zehler. Aber die Srüchte dieſer Arbeit reifen 
nur langſam; die ſeeliſchen Kräfte, die es zu pflegen gilt, ſind anfangs ſcwad und neh- 
men erſt mit den Jahren an Stärke und Umfang zu. Die große Zahl der tägli) und 
ſtündlich in Erſcheinung tretenden Fehler zeugt nur allzu deutlid) von der jhwanken- 
den Entwieklung dieſer Leiſtungsträger. Darum dürfen wir uns mit dieſer Art der 
Sehlerbefämpfung allein nicht zufrieden geben. 
Zudem läßt ſich das, was auf dieſe Weiſe für den Uampf gegen das Zalſche gewonnen 
wird, nicht in ein lehrbares Gefüge bringen. Es iſt immanente Bekämpfungsarbeit, 
die in und mit allem Unterricht geleiſtet wird. Dieſe Tatſache bleibt auch beſtehen,
	        

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