174 Das Sdyulturnen
lichen Einſichten leiten laſſen. Cs gab eine Zeitlang Lehrpläne mit 5, ja mit 6 Woden-
ſtunden Turnen! Aber ſchon 1924 hat Preußen und 1928 Öſterrei) von den 4 erkämpften
Übungszeiten wieder eine geſtrichen.
Dod) zurüd zu der Entwidlung des Schulturnens ! Nad) der Turnſperre, 1820--1842,
hatte ſich das Turnen jahrelang in den Hallen verſte>en müſſen; das konnte nicht ohne
Einſluß auf ſeine Geſtaltung bleiben. Aus dem freien, in der Uatur und im Dolksleben
innig verwurzelten Turnen Guts Muth's und Jahn's war ein verkümmertes Hhallen-
turnen geworden. Man iſt beinahe verſucht, Maßmann recht zu geben, der angeſichts
dieſes Turnens ſagte, es wäre „geſcheiter gar nicht zu turnen und der Jugend ihre ſonſt
nur nicht geordneten Spiele auf der Wieſe und im Wald, dazu Ballſpiele, Baden, Eis-
laufen uſw. zu belaſſen". All dieſe Sreiluſtübungen blieben ja nun wirklich) draußen
außerhalb der Schule; das Turnen vermochte ſic nicht ſo raſch umzuſtellen, um eine
jugendgemäße Sorm zu entwideln. Die Eingliederung als ein Schulfach wirkte aud)
no in der Richtung auf eine ſtarre, lehrhafte Geſtaltung. Spieß hatte in ſeiner „Lehre
der Turnkunſt" eine Syſtematik der menſchlichen Bewegungen gegeben, die auf der
Bewegungsmöglichkeit auſgebaut war. Sie wurde zur Grundlage des neuen Schul-
faches. Man teilte den Turnſtoff fein ſäuberlic) auf die Schuljahre auf; das Können der
vorgeſchriebenen Übungen galt als Klaſſenziel. Das paßte gut hinein in die Lernſchule,
in der es auch ſonſt auf die Bewältigung eines beſtimmten Stoffes ankam, nicht auf die
Entfaltung der Kräſte.
Die Gegenbewegung gegen das Spieß'ſche Turnen konnte nicht ausbleiben. Schon
im 19. Jahrhundert wurde ſie in verſchiedener Weiſe fühlbar. Zunächſt lenkte die unter
engliſmem und amerikaniſchem Einfluß entſtandene Sportbewegung den Bli>d wieder
ſtärker auf die Sreiluſtübungen. Cine mächtig auſſtrebende Spielbewegung ſeßte ein.
Der Zentralausſchuß für Dolks- und Jugendſpiele wurde begründet (1891); behördliche
Erlaſſe betonten die geſundheitliche und die erziebliche Bedeutung der Spiele im Freien
und forderten ihre Aufnahme in das Schulturnen (in Deutſchland 1882 Goßler's, in
Öſterreich 1890 Gautſch's Spielerlaß). Sreilid) blieben dieſe Sorderungen zunächſt vielfa
auf dem Papier, weil die Lehrer nicht die nötige Vorbildung hatten und weil die Pläße
fehlten. Aber der Anſtoß war gegeben.
Dazu kam dann der Einfluß der Jugendbewegung. Der Widerſtand gegen das na-
turfremde Leben in den Städten hat an ihrer Entſtehung einen weſentlichen Anteil.
Die Jugend wanderte und ging in die Berge, ſie ſpielte und ſc/wamm und übte ſich im
Laufen und Springen, lange ehe man es in der Schule tat. Das neue Körpergefühl die-
ſer Jugend ließ ſie das ſtarre Turnen oft ganz ſchroff ablehnen. Das Streben na dem
Heimatlichen, nach dem Volkstümlichen führte ſie zu den alten Tänzen, deren feines,
ſreies Schwingen auch in einem unlösbaren Widerſpruch zu dem Strammſtehen und
Exerzieren des üblichen Turnens ſtand. So tat ſich hier eine Kluft auf zwiſchen dem
körperlichen Leben und Erleben der Jugend innerhalb und außerhalb der S mußte allmählich die Aufmerkſamkeit der Lehrer und Erzieher wachrufen.
Um dieſelbe Zeit ſeßzte die phyſiologiſc)e Durchforſchung der LeibeSübungen ein.
Man begann überhaupt den Menſchen wieder naturwiſſenſchaftlic zu betrachten; man
erkannte, daß für ihn dieſelben Geſetze gelten wie für andere Lebeweſen aud). Man ſah
ſein geiſtiges Leben vielfach gebunden an ſein körperliches ; man ſah dieſes wiederum ſtark
verwurzelt in der Umwelt und ihren Bedingungen. Zu dieſen Umweltbedingungen ge-
hörten nun auch Leibezübungen, deren Wirkung auf den Uörper alſo zu erforſchen ſtand.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.