Full text: Allgemeine Didaktik und Erziehungslehre (3)

Die Theorie der Bildungsgüter 13 
zieher. In Wahrheit handelt es ſich zunächſt niht um einen geiſtigen (Bildungs-)güter- 
verkehr, ſondern den Bildenden und den zu Bildenden ſtehen höchſt lebendige Wirklic- 
keiten gegenüber und ſie werden zugleich) von ihnen umſchloſſen: Geiſt, Kultur, Leben 
oder wie man es nennen mag. Leben ſiößt auf Leben und ſo entſteht ein neues, FSort- 
gang und Entwidlung. In ſolchen Zuſammenhängen kann dann die Rede vom Bildungs- 
gut, wenn man ſie einmal als übliche Derdeutliczung beibehalten will, nur heißen, 
daß der Redende in der Berührung mit einem geiſtigen Gehalt, mit einem Beſtandteil 
und HAusſc<hnitt der Rultur, mit einer Dichtung, einem Gemälde, einer Muſik, einer 
Staatsauffaſſung, einer geſchichtlichen oder religiöſen Perſönlichkeit bildende Eindrüde 
erfahren hat. Sie ſind ſein geiſtiges Cigentum geworden, wie man dann bildlid) ſagen 
darf, ſie gehören zu ihm, und es iſt ja die Eigentümlichkeit des Geiſtigen, daß es ſo etwas 
gibt: ein in ſich geſchloſſenes, ſelbſtändiges Gebilde wie eine Sonate, ein geſchichtliches 
Menſchenleben, ein Gedicht, eine Kulturepohe =- um ganz Verſchiedenes willkürlich 
zu nennen -- kann ganz von einem Menſdjen ergriſſen und beſeſſen werden und bleibt 
doh, was es iſt, bleibt unverbraucht und ſelbſtändig. Aber für den dur<h dieſe Gebilde 
„Gebildeten“ iſt es ſein Bildungsgut geworden, er hat die in ihnen verborgenen Werte 
als „Bildungswerte“ im Gang ſeiner Bildung erfahren, er beſitzt ſie. Nun erfährt er, 
daß auc andere die bildende Rraft dieſer Inhalte erlebt haben, etwa die Gruppe des 
gleichen Bildungsganges oder des gleichen Bildungsintereſſes, des gleichen Berufes und 
der gleichen geſellſ<aftlichen Schicht, der gleichen Landſchaft oder des gleichen Stammes. 
So gewöhnt man ji daran, Bildungsgut das zu nennen, was von größeren Gruppen 
durc<gängig gemeinſam als bildend erlebt wird und ſpricht beiſpielsweiſe von einem 
„deutſchen Bildungsgut" als von der Summe der Gehalte, an denen Deutſche gemeinhin 
zu Deutſchen gebildet werden. Das führt dann freilid) immer ſc<hon über eine bloße 
ſtatiſtiſche Feſtſtellung hinaus zu einer wertenden. Das Soſein, das als Ergebnis der 
Bildung erfahren wird, ſoll einen objektiven Wert darſtellen, der nun nicht etwa einfach 
der ganzen Sülle der irgendwie erfahrenen Bildungseinflüſſe verdankt wird, ſondern 
gerade dem Wirken eben dieſes Bildungsgutes oder dieſer Gruppe von Bildungsgütern. 
Man glaubt zu ſehen, daß aud) bei den andern das Wirken gerade dieſes Bildungsgutes 
die gleiche Bildungsform, Haltung und Geſtaltung der Perſönlichkeit vermittelt. Ciner 
als ideal gewerteten Lebensform als Ergebnis eines Bildungsvorganges werden alſo 
beſtimmte Bildungsgüter als Urſachen zugeordnet und damit als die idealen, objektiv 
wertvollen Bildungsmittel herausgehoben. „Deutſches Bildungsgut" iſt dann beiſpiels- 
weiſe alles das, was Menſchen zu einem beſtimmten Ideal von Deutſchtum bildet. 
Der Redende nimmt nun an, daß das, was ihm ſo in ſeinen Bildungserlebniſſen Bil- 
dungsgut geworden iſt und was er mit ſeiner Generation und ſeiner Schicht als gemein- 
ſames Bildungsgut erfahren hat, auch künftigen Geſchlechtern, jedem der gleichen Sphäre 
und Schicht in der jungen Generation, Bildungsgut werden wird, d. h. die gleichen 
Bildungserlebniſſe hervorrufen und die gleiche Endgeſtalt des gebildeten Menſchen, 
Deutſchen, Chriſten ergeben müſſe. Beides, die Gemeinſamkeit des Bildungsgutes einer 
Generation und die gleiche Wirkung eines Bildungsgutes auf den Nachwuchs iſt aber 
keineswegs ſelbſtverſtändlich, ſondern Ausdru> und Wirkung ganz beſtimmter, relativ 
beharrlicher geiſtiger Lagen. Die Revolution der Jugend in der Jugendbewegung und 
gerade heute der paſſive Widerſtand breiter Schichten der Jugend gegen beſtimmte 
Bildungsgüter der Erwachſenen haben uns gezeigt, daß hier aus der gleichſam hiſto- 
riſchen Feſtſtellung von Bildungsgütern in der Selbſtbeſinnung der Erwachſenen und aus
	        

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