198 Sexualpädagogil
pädagogik beibehalten. Während man früher die Kinder in unſinniger Weiſe mit allen
möglichen und unmöglichen Solgen der Onanie ängſtigte, werden heute alle Perver-
ſitäten, Geſchlechtskrankheiten und deren Solgen nicht bloß geſchildert, ſondern aud)
durch Modelle und ZSilme naturgetreu dargeſtellt. Cs iſt bereits ausgeführt worden,
daß damit die ethiſche Grundlage der Pädagogik aufgehoben wird. Außerdem wirken
ſolche Dorführungen auf Jugendliche durchaus nicht immer abſchre>end, ſondern oft
geradezu erregend auf die ſexuelle Phaittaſie *). Daß hygieniſche Belehrungen dieſer
Art für Erwachſene zwedmäßig ſein können, iſt nicht zu beſtreiten, dod) ſie ſind nicht der
Pjy weiteres, wenn zwiſchen Erzieher und Kind das nötige Vertrauensverhältnis beſteht.
Denn dann ſtellt das Kind von ſelbſt die Sragen, die es gerade beſchäftigen. Sie beginnen
meiſt ſehr zeitig mit Zweifeln über die Herkunft der Kinder; werden ſolche Fragen ab-
geſchnitten oder gar mit Unwahrheiten, ſogenannten Märchen beantwortet, ſo iſt die
Entwidlung von Anfang an in falſche Bahnen gelenkt. Daraus folgt, daß die ſexuelle
Aufklärung in erſter Linie eine Aufgabe des Elternhauſes iſt und jedenfalls nur unter
deſſen Mitwirkung befriedigend gelöſt werden kann. Diel wichtiger als Aufklärungs-
ſchriften und Vorträge für Jugendliche ſind pädagogiſche Anleitungen der Eltern. An
dieſer Stelle ſollte insbeſondere die Schule ihre Arbeit beginnen. Ehe ſie überhaupt
zur Beſprechung ſexueller Fragen im Unterricht übergeht, ſollte das Kind ſchon durd) das
Elternhaus wenigſtens im allgemeinen mit dieſem Thema bekannt ſein.
In Sorm von öffentlichen Vorträgen wird ſid) die ſexuelle Kufklärung wohl niemals
pädagogiſd) befriedigend geſtalten laſſen, weil die Anpaſſung an das individuelle Ent-
widlungstempo fehlt. Dieſes wird am beſten erreicht, wenn das Kind ſelbſt dur Fragen
die Anregung gibt, nur darf man dann dem Kinde das Sragen nicht allzu ſcjwer machen,
ſondern muß auch die verſtekten Andeutungen und das verlegene Schweigen richtig
verſtehen.
Auf die Behandlung im Unterricht kann in dieſem kurzen Überbli> nicht ausführlicher
eingegangen werden. Den früher ausgeführten Grundſäßen entſprechend wird man
die normale Entwielung des Sexuallebens in den Vordergrund ſtellen und alles Krank-
hafte höchſtens als Gegenbeiſpiel ſtreifen. Es kommt aud) nicht darauf an, den Jugend-
lichen über alle Intimitäten des Geſchlechtslebens zu belehren, ſondern viel wichtiger
iſt es, ihm über ſein eigenes Geſchlechtsleben Beſcheid zu ſagen. Er muß wiſſen,
daß ſi) in den Entwidlungsjahren die erſten ſexuellen Regungen einſtellen, damit er
ſic) nicht grundlos ängſtigt. Dor allem müſſen ihm dieſe richtig gedeutet werden als
Wachstums- und Reifungsprozeſſe, damit er vor dem Irrtum bewahrt bleibt, daß er
bereits zum Geſchlechtsverkehr „reif“ ſei. Man wird ihn auf die Selbſtſteuerung dieſer
Wachstumsvorgänge (Pollutionen) hinweiſen und zugleid) warnen, dieſe außerbewußte
Regelung der körperlichen Zunktionen irgendwie zu ſtören. Cs iſt überhaupt wichtig,
daß er ſeinen Körper als Kunſtwerk achten lernt, damit er ſich des Wertes, aber aud) der
Derantwortung bewußt wird, die daraus folgt.
Auf die Beziehungen der Sexualpädagogik zur Sozialpädagogik kann hier ebenfalls
nicht näher eingegangen werden. €s ſoll nur daran erinnert werden, weld)e Bedeutung
1) W. hoffmann, Schundliteratur und Schundfilm. (Zeitſchrift für pädagogiſc<;e Pſychologie
1927, S. 284.)

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