Die heutige Problematik 201
Lebensgehalt: die Auſgabe der berufenen Teilnahme an der Geſamtarbeit der Menſch-
heit, der Mitgeſtaltung der kommenden Dinge. Wenn alſo aud) nicht überall bewußt
aufgegriffen, ſo beeinflußt die Berufsaufgabe mindeſtens äußerlich) die Lebensführung
jedes Mäddjens und gibt innerlich weitreicheiive Prägung. Das gibt der Problematik
der Srau aud) in Sragen des Geſchlechtslebens eine neue Särbung.
Sie verträgt es nicht mehr, Objekt zu ſein oder ihre Geſchlehtsgenoſſinnen als ſolches
zu ſehn. Sie hat die Duldung der „doppelten Moral“ aufgegeben ; ſie will keinen Zwang
über ſid) anerkennen und keine Sonderſtellung. Ihre eigene Leiſtung, ihre Sicherheit im
Erwerbsleben ſchaffen die äußeren Lebensgrundlagen. Die völlig ſelbſtändige berufs-
tätige Srau, geiſtig und wirtſchaftli) unabhängig, iſt in dieſem Ausmaß eine neue Er-
ſcheinung. Der früher häufig beſchrittene Weg der mittelbaren Beziehung zu den Wirk-
lichkeiten des Lebens durd) das Medium des Mannes iſt aud) ſchon für ganz junge Mädchen
eingemündet in einen ſehr unmittelbaren, realen. Die heutige Srau lebt nicht mehr „von
Mannes Gnaden“ -- aud) nicht in der Liebe, auch nicht einmal in ihrer Sexualität. Sie
iſt nicht mehr Objekt, umworben oder weggeworfen. Sie hat die Freiheit erworben, ſid)
zu ſc FSorderns; ſie iſt viel aktiver „männlicher“. Zur Illuſtration dieſer Gedanken möchte ich
daran erinnern, was Prof. Hoffmann über die jittlichen Zuſtände der heutigen Jugend
ausgeführt hat, oder an die Erfahrung, daß die Proſtitution zurüägeht, während der
Anſprud) ſexueller Beziehungen aud) ganz junger Menſchen laut propagiert wird. Leider
ſehe ich hier nicht jo optimiſtiſch wie Prof. H., der die Empfehlung der Keuſchheit bis ins
dritte Lebensjahrzehnt unbeſtritten ſieht. „Die öffentliche Meinung“ denkt darüber ganz
anders, leider auch viele, die ſic) Jugendführer nennen, und die jedenfalls einen ſehr
großen Einfluß auf Jugend haben.
Die verheiratete Frau macht die heutige Problematik in eigener Weiſe durd<. Der Rah-
men der Ehe in Geſeßgebung und überkommener Form iſt ihr zu eng geworden. Die
Ceiſtungsforderungen überſpannen ihre Kräfte in unzähligen Sällen aller ſozialen Schichten.
Cbenſo gilt aber, daß dieſe Leiſtungen wohl ihre Zeit übergenug ausfüllen, aber nicht ſie
ſelbſt. Es bleibt eine Ceere, die früher, ehe man andere Anſprüche gekannt hat, nicht ſo
ſ Einſamkeit, die berüchtigten Leiden der ausgeſtorbenen alten Jungfer, ſind heute ſehr
oft das Schiſal der verheirateten Frau. Und das gilt vor allem auc für die „glückliche“
Srau vieler bürgerlicher Chen, wo das übertrieben fordernde Arbeitsleben dem Mann
nicht Kraft und Zeit läßt, eine Che zu führen, die dem veränderten Anſpruc) der heutigen
Srau gerecht werden könnte. Es iſt nicht wahr, daß die Luſt zur Eheſchließung zurüdge-
gangen wäre; im Gegenteil, die Statiſtik weiſt ſogar wachſende Zahlen auf. Aber ihnen
ſteht die erſchre>ende Ziffer der Cheſcheidungen gegenüber.
Dielleicht kann man den Geburtenrükgang neben vielen anderen Urſachen teilweiſe
aud) von einer veränderten Stellungnahme der Srau her erklären. Auch hier liegt eine
Befreiung zugrunde: die wiſſentliche und willentliche Befreiung aus der „biologiſchen
Tragödie der Srau“. Der Unabhängigkeits- und Perſönlichkeitsrauſd) hat ſelbſt die
elementaren ewigen Inſtinkte der Mütterlichkeit angegriffen.
Alles zuſammen hat es ſo weit gebracht, daß die Srau, die Hüterin der monogamen
Dauerehe , ſelbſt Kritik übt, wenn nicht an der Che, ſo dod) an ihrer Sührung, und
daß die Diskuſſion darüber, die mit allen Mitteln unſeres Maſſenproduktionszeitalters
entbrannt iſt, das brennendſte Intereſſe der Frau geſunden hat. Wirr gehen die Wünſche

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