224 DIe ethiſche Erziehung

Wert herabzuziehen. Es iſt nicht ſchwer, an allem Zeitlichen, an jedeni Menſchen die
Schwäche, das Unzulängliche zu erkennen und aufzudeden; Kritik in Gegenwart der
Jugend ſoli mit Liebe zum Gegenſtand verbunden ſein, die überall hindurcen muß.
Nichts iſt gefährlicher als „alle Träger zeitloſer Werte vor den Augen der Jugend gleich-
ſam einer Diviſeltion zu unterwerfen", wie Kerſchenſteiner mit Recht ausführt. Der
Menſd) erlebt früh genug die notwendige Unvollkommenheit all es Irdiſchen.
Wert geſinnung allein iſt wie ein Wagen ohne Pferde; ſie muß an dem langen
Hebelarm des Willens angreifen. Erſt der Wille überſetzt ſie ins Handeln, das erſt
eigentlid) der ſittlichen Bewertung unterliegt. Es braucht heute wohl kaum mehr geſagt
werden, daß der Grundſatz, den Willen des Zöglings zu brechen, ihn der Autorität ge-
fügig zu machen, das Fundament des ſittlichen Derhaltens gänzlidh) zerſtört. Mag eine
ſold)e autoritative Zucht aud kein Hindernis bieten für die Entwidlung paſſiver Tugenden
(Gehorſam, Sleiß, Pünktlichkeit und Ordnung); die eigentlich bedeutſamen aktiven
Willenstugenden, Taperferkeit, Unternehmungsgeiſt, Selbſtändigkeit, müſſen dabei
zerbrechen. Die Aufgabe aller Willensbildung beſteht daher in Übung des Wil-
lens an Auſgaben, die ihm Widerſtände bieten, ohne ihn zu kniden oder ihn zu zer-
brechen. Unſere heutige Shulerziehung zeigt darin allerdings nur ſehr geringen Wage-
mut; insbeſondere iſt der Übergang von einem durchaus geleiteten Willensleben zur
akademiſchen Sreiheit, wenigſtens auf den höheren Schulen beim Übertritt ins Leben,
viel zu ſchroſf. Dieſer Mangel an Wagemut rächt ſich am ſchwerſten auf dem Gebiete
des Sittlichen. Erſt d er Menſch kann überhaupt Objekt einer ſittlichen Wertung ſein,
der in Sreiheit handeln darf. Weder die beaufſſichtigte Tugend und Ordnung eines gut
geleiteten Internates no das durd) Reſpekt und Strebertum erreichte Wohlverhalten
ſind Kennzeichen wahrer Sittlichkeit. Wer das Unrecht zu tun vermöchte und zu tun es
verſchmäht, iſt zum Charakter gereift. So iſt die Autonomie des ſittlichen handelns das
Ziel aller ſittlichen Erziehung.
Gewiß ſteht dieſes erſt am Ende des Erziehungsprozeſſes; der Weg geht über die
Heteronomie. So ergibt ſich ein naturgewollter Stufenaufbau der ſittlichen
Erziehung. Das KUind kann die heteronomiſchen Gebote nicht entbehren; aber ſchon in
den allererſten Lebensjahren entwidelt ſich) die ſelbſtändige Stellung zur Umwelt, wenn
es auch die auf Erfahrung geſtützte Autorität des Erwachſenen nod) lange nicht entbehren
kann. Doch man muß ihm die „Sreiheit der Sünde" gewähren innerhalb der Grenzen,
die der Erzieher ohne Schädigung des Uindes gewähren kann, d. h. die Gelegen-
h eit zu ſittlichem Handeln. Ueilartig ſchieben ſic) während der Schulzeit Autorität
und Sreiheit nebeneinander. Die bloßen Autoritätsſiuſen abzukürzen und ſo ſchnell als
möglid) das Uind zur Selbſtzucht zu bringen, iſt die wichtigſte Aufgabe ſittlicher Erziehung.
Die Mehrzahl der deutſchen Erzieherſchaft zieht auc) heute noch den Weg autoritativer
Gewöhnung vor; man hat Angſt vor zügelloſer Entartung der Sreiheit und ſcheut die
Derantwortung; man fürchtet die Erweichung des Pflictbegriffes; Subordination gilt
als Sundament der Schulzucht. Der Pflichtbegriff iſt gewiß das zentrale Stüd
ſittlicher Erziehung. Immer wird der Menſch die „verdammte Pflicht und Schuldigkeit"
zu ſpüren bekommen, und darum kann aud) die Erziehung autoritativ von außen geſetzter
Pflichtſorderungen nicht entbehren. Aber darnad) beginnt erſt das eigentliche Problem
ſittlicher Erziehung, nämlich dieſe von außen geſetzte Pflicht in ein Syſtem ſelbſtgeſeßter
Zwede einzubauen und ſie zu einem Beſtandteil des jugendlichen Willens zu machen.
Über „Hinder müſſen gewagt werden;" wie ſollie ſonſt ein ſelbſtändiger Geiſt, der mora-

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