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Die jüdiſche religiöſe Erziehung
1. Der Lebensſtil
E* iſt für die jüdiſche Religion eigentümlid), daß ſie in beſonderem Maße, bis ins
Kleinſte hinein, das Leben derer, die ihr zugehören, dur Gedanke vom Prieſtertum aller (Cxodus 19, 6) hatte ſeine beſtimmende Kraft gewonnen;
jeder ſollte der Prieſter ſeines Daſeins werden. Die Trennung zwiſchen heiligem und
Profanem, zwiſchen Seiertäglichem und Alltag hörte damit in mandher Beziehung auf;
das Sakrale ſollte in jede Daſeinszeit eintreten und nicht nur als ein Tag neben Tagen
der Woche einhergehen. Vor allem das ſogenannte „Geſeßz" mit ſeiner Fülle von Bräu-
im Leben, bis in jede Stunde und jede Obliegenheit hinein, religiös zu erfaſſen, alles
in die Geſamtaufgabe der Heiligung hineinzuſtellen. Uirgends ſollte die Proſa des Lebens,
bis zu der des Eſſens und Trinkens hin, ein ausſchließliches Gebiet haben; überallhin
ſollte ſic) ein Gottesdienſtliches, eine Weihe und Andacht, und damit ein Geiſtiges aus-
breiten. Dadurd< wurde die Religion mehr no als anderwärts die beſtimmte Fo rm
des Lebens. Srömmigkeit bedeutete zugleich den bewußten Lebensſtil, dem
allerdings die Gefahr, die jedem Stil zu folgen pflegt, nicht immer fern blieb, daß aus
dem Perſönlichen ſchließlich ein bloß Äußerliches, aus einem Lebendigen ein Über-
liefertes und Gewohntes wurde.
Aller Unterricht, der die Religion befaßte, war ſo in einem Weſentlichen Lebens -
unterweiſung. Sein Ziel war die hinwendung und Hinführung zu dieſer rakteriſtiſchen Form des Lebens, zu dieſer Beziehung alles Einzelnen, nicht alſo nur
der „Werterlebniſſe"*?), ſondern der Handlungen und Vorkommniſſe jedes Tages, auf
das Ganze, auf den totalen Sinn und Wert, der dem Leben in ſeiner Univerſalität ſo-
wohl wie in ſeinem Individuellen zukommt. Der Religionsunterricht iſt alſo hier vor
allem die Erziehung zu einem Stil oder, wie von jedem Stil aud geſagt werden kann,
zu einem Rhythmus des Lebens.
Dieſe Rhythmik erhält dadurch hier ihr Kennzeichnendes, daß zu dem Gedanken der
Werktagsheiligung immer der des Sabbatlichen tritt. Der rhythmiſche Gegenton gegen
den Alltag iſt hier nicht ſowohl das Heilige =- denn dieſes ſoll ihn und ſeine Proſa durd-
dringen -- als vielmehr die Ruhe, die ja nichts bloß Phyſiſches, nicht die Raſt nur iſt,
ſondern etwas Religiöſes bedeutet. Dieſe Ruhe iſt ein Atemholen der Seele, ein Sich-
erholen und Sichzurüdholen aus den Werktagen mit ihrer Mühe und Laſt; ſie iſt damit
eine innerliche Wiedergeburt, etwas, was zur Sphäre des Geheimniſſes, des Göttlichen
hinweiſt. Das Heilige in beſonderem Sinne iſt hierin gegeben. In dem Werte und der
Aufgabe der Heiligung finden das Werktägliche und das Sabbatliche ihre gemeinſame
Beziehung und ihren Zuſammenhang. So wird der Religionsunterricht Erziehung
zu dieſem Zwiefachen mit ſeinem Rhythmus: zur Heiligung des Alltags und zur Heiligung
des Sabbats. Es könnte ſcheinen, als habe damit der Religionzsunterricht eigentlid) ſich
ſelber aufgehoben. Einem Lebensunterricht, ſo könnte man meinen, kann ein beſonderer
Platz als Unterricht, aud) als Religionsunterricht, nicht gegeben ſein. Eine Unterweiſung,
1) Spranger, Lebensformen, 8. 52 u; 81.
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