Full text: Allgemeine Didaktik und Erziehungslehre (3)

276 Die jüdiſche religiöſe Erziehung 
 
durch die ein Lebensſtil erhalten und immer wieder erneuert, alſo nicht nur „ein ideeller 
Kulturbeſiß übertragen" ?) werden ſoll, ſcheint do< über die Grenzen des Zachlichen 
und Unterrichtlichen und ſelbſt aller Schule weit hinauszutreten. Denn die Schule be- 
zeichnet, ſo chr ſie in mancher Beziehung zur Gemeinſchaft führen kann und ſoll, eine Ge- 
ſellſchaft, d. h. einen für beſtimmte Zwede und weſentli) für das Nebeneinander ge- 
ſchafſenen Derband. Der Lebensſtil kann aber ſeine Cinheit und Beſtändigkeit gewinnen 
nur in einer wahren Gemeinſdaft, d.h. in einem Verbande, der nicht hergeſtellt 
worden, ſondern gewachſen iſt und weſentli) ſeine geſchichtliche Linie hat, und dem der 
Einzelne ſo mit der Ganzheit ſeines Lebens und Weſens angehört. 
Erziehung zum religiöſen Lebensſtil erfordert in der Tat nicht zuerſt das Unterricht- 
liche und ſeinen Ort, ſondern die religiöſe Gemeinſchaft, in der die Generationen ver- 
bunden ſind. Sie erfordert zunächſt die Familie, dieſe erſte, natürliche Gemein- 
ſchaft und ſodann die Gemeinde, „dieſen lezten und höchſten Ausdrud, deſſen die 
Idee der Gemeinſchaft ſähig iſt“ *?). Dieſer Bereid) mußte um ſo mehr der maßgebende 
ſein, da in ihm ein Wichtiges alles Lebensſtils, die Sitte, bewahrt und weitergegeben 
wird. In der Sitte ſpricht -- während alles Techniſche und alle Mode HKusdru> der 
Geſellſchaft ſind -- die Gemeinſcaſt mit ihrer Reihe der Generationen, in ihr beginnt 
das Tun des Einzelnen ſeine haltung und die Gewißheit ſeiner ſelbſt und ſchließlich 
ſein Leben den Stil zu gewinnen. Au) der Gedanke des heiligen kann von ihr ſeinen 
Ausgang nehmen, indem ſie ihr Gebotenes und Symboliſches, ihr auf Gott Bezogenes 
erhält und ſo zu einem Stile der Heiligung wird. In der Erziehung durch die jüdiſche 
Religion und zu ihr hat die Erziehung durd) die jüdiſche Sitte und zu ihr daher immer 
den weiten, wichtigen Platz gehabt. Die Erziehung zu der Lebensform wurde aud) da- 
durch Erziehung in der Gemeinſchaft und zu ihr. 
2. Die Gemeinſ<aftserlebniſſe 
Die Samilie zunächſt war im Judentum ſeit altem und mit dem ſteten Bewußtſein 
dieſer Bedeutung die Schule der religiöſen Unterweiſung. Cs galt als die beſtimmte 
Forderung eines religiöſen Unterridts, ſchon von den früheſten Erklärungen ſo 
gefaßt, wenn die Bibel gebot (Deut. 11, 19): „Lehret ſie -- die Worte Gottes -- eure 
Kinder, indem du davon ſprichſt, wenn du in deinem hauſe ſitzeſt und wenn du auf dem 
Wege gehſt, wenn du did) niederlegſt und wenn du aufſtehſt". Lehre und Beiſpiel ſollten 
hier zu dem Lebensſtil in ſeinem Werktäglichen und Sabbatlichen hinführen. In das 
Haus ſtellte zudem das „Geſetz" ſeine Symbole hinein, dieſe „Zeichen“, die aus dem 
Endlichen ins Unendliche, aus der Stunde zum Cwigen hinüberdeuten. Das Empfinden, 
in dem der Stil ſeine Seele beſitzt, erhielt in ihnen ſeine religiöſe Anregung, dieſen Be- 
ginn religiöſer Erfahrung; ſie wedten und nährten die Kinderphantaſie, die das Ge- 
heimnis in das Tägliche eintreten ſieht, und damit dieſes Dichteriſche, Uünſtleriſce, 
in dem alles Religiöſe ſich regt und webt. Das Haus wurde zum religiöſen Erlebnis. 
Dazu kam das Erlebnis der Gemeinde. Sie iſt hier ein Beſonderes, weil das Juden- 
tum nicht kirchlich, ſondern kongregationaliſtiſch verfaßt iſt, nicht die im Übernatürlichen 
geſtiftete Kirche zu eigen hat, ſondern nur dieſe von Menſchen ſeeliſcher Gemeinſchaft 
bereitete Gemeinde. Sie iſt dem Einzelnen darum ſein Perſönliches, zumal es hier keine 
Scheidung von Prieſter und Volk, von Geiſtlicen und Laien gibt; der Einzelne ſteht 
1) Paulſen, Pädagogik", 8. 6 f. 
27) Tönnies, Gemeinſchaft und Geſellſchafts, S. 19.
	        

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