Der Lebensſtil, die Gemeinſchaftserlebniſſe, das religiöſe Wiſſen 277

unmittelbarer, intimer in ihr. Sie iſt ihm das Haus, deſſen Grenzen ſi) dehnten, weshalb
ja auch das GotteShaus ganz eigentlic) das große Samilienhaus iſt, auch mit ſeiner Häus-
lic Sumboliſche, Bedeutſame, durd) den Rhythmus von Werktag und Sabbat, in dem aud
ſie lebt, dur alle die Worte und Klänge, die Bilder und Geſtalten in ihr, die zum hören,
zum Schauen, zum Sragen führen.
Durd) das haus wie durd) die Gemeinde konnte ſo das Religiöſe, als Sitte und Lebens-
form, den heranwachſenden Menſchen erfaſſen ; er wurde im eigentlichen Sinne, ohne doh
zunächſt deſſen beſonders bewußt zu werden, zum Schüler des hauſes und der Gemeinde.
Cr erlebte eine Unterweiſung, die nie als Abſi neben ihm ſtehen konnte, ein Erziehen, das nie als ein Crziehenwollen auf ihn eindrang
und darum das wirkſamſte Erziehen war. Er erlebte Religioſität als Sphäre und Atmo>-
ſphäre, als eine Umwelt, die nad und nad) zu ſeinem inneren Beſitztum, zu ſeiner Welt
wurde.
Dieſes Erleben war dann in dieſem Bereiche von haus und Gemeinde zum Leben
auch hingeleitet, zum geforderten Leben, zur betonten Aufgabe jedes Tages. Dem
Cebensſtil wurde eine Aktivität zugeteilt. Cine FSülle des Gebotenen, ein Weſentliches
der Sitte, des Sinnbildlichen, der Bräuche wurde, zumal von der Zeit des erſten Lebens-
einſchnittes, der beginnenden Jugend an, dem Tätigkeitsbedürfnis dieſer Zeit entgegen-
kommend, jedem Einzelnen als perſönliche Übung und perſönliche Haltung, als das
Prieſtertum ſeines Daſeins anvertraut. Das Erlebnis des Rindes wurde jetzt zum zu-
gewieſenen Leben. Von jedem ſollte der Stil des Lebens immer neu im Werktäglichen
und Sabbatlichen geſchaffen werden. Um ſo beſtimmter machte ſi dieſe Daſeinsführung
dur) das Individuum geltend, da ein nicht Geringes von alledem eine Askeſe war, die
von jedem verlangt wurde, und die nicht im Außerordentlichen der ſeltenen Stunde
blieb, ſondern, wie 3. B. die alten Speiſevorſchriften, das Täglihe und Gewöhnliche er-
faßte. Der werdende Menſd) lernte, wie er ſelbſt ſeine Tage heiligte.
Cin anderes nod, was der Askeſe ſeeliſch) nahe war, trat in ſein Bewußtſein ein. Das
Judentum war alle die Jahrhunderte eine ecclesia press immer wieder in der Minderung ihrer Rechte und Daſeinsbedingungen, nicht ſelten
in Kränkung und Derfolgung als ſolche erſuhr. Der Cinzelne erlebte es in ihr als ein
weſentliches Stü ſeiner Zugehörigkeit zu ihr. Der Gedanke, zu den Wenigen zu gehören,
das „ECrtrage und Entſage", das darin gefordert war, wurde ein Beſtandteil der Reli-
gioſität. Die ganze Umwelt, von der her ſich die innere Welt bildete, formte es ſo; Ge-
meinde und Haus ſtanden in einem eindringlichen geſchichtlichen Kreiſe. Die geſi lid)e Situation wurde in einem ſtärkeren Maße als anderwärts empfindbar und wirk-
ſam. Zu dem Erlebnis von Schule und Gemeinde kam ebenſo unmittelbar das Er -
lebnis derGeſc tum. Sie war nicht nur etwas, was, aus Dergangenheit und Dichtung hervorleuchtend,
vor der Bewunderung ſtand, ſondern ſie gehörte als ſeine ſtete Beſtimmtheit jedem Da-
ſein zu. Etwas von dem, was Carlyle der Religion als „heldenmäßige Form des Daſeins"
zuſpricht, wurde hier eine kennzeichnende Linie der Lebensform.
3. Das religiöſe Wiſſen |
In dieſem dreifachen Gemeinſchaftserlebnis von Haus, Gemeinde und Geſchichte
war das Weſentliche der religiöſen Heranbildung ſo ſehr gegeben, alle heranſührung

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