Full text: Allgemeine Didaktik und Erziehungslehre (3)

278 - Die jüdiſche religiöſe Erziehung 
 
zur Geſamtaufgabe der Heiligung ſo ſehr bewirkt, daß alles Unterrichtliche, alles Ein- 
gerichtete für die Religioſität nur geringere Bedeutung haben konnte. Durd) eines war 
dieſem troßdem der Plaß bereitet. Cs hatte ſein wichtiges und aud) weites Gebiet als 
der Unterricht in der hebräiſchen Sprache und dem hebräiſchen Schrifttum. Als heilige 
Sprache und heiliges Schrifttum gehörten dieſe dem Bereiche der Religion und der Re- 
ligionsgemeinſchaft an. Schon die Teilnahme am Gottesdienſt forderte dieſe Sprache. 
Sie war die Sprade des Gebetes und zwar nicht nur eines prieſterlichen, wie die latei- 
niſche im katholiſchen Gottesdienſt, ſondern des Gemeindegebetes. Sie war die Spradye 
auch der Schriftvorleſung, und auc dieſe war nicht dem Geiſtlichen, ſondern im Prinzip 
einem jeden zugewieſen; auc für ihn ſollte die Bibel die alte hebräiſche Bibel ſein. Der 
geſamte Gottesdienſt war, da ja eine Scheidung von Geiſtlichen und Laien nicht beſtand, 
Gemeindegottesdienſt im vollen, uneingeſchränkten Sinne; jeder Einzelne war ſein 
Träger und ſollte darum ſeine Sprache, die hebräiſche, zu eigen haben. 
So ergab ſich) das Eigentümliche, daß der eigentliche Religionsunterriht 
ein Unterricht ſprachlicher und literariſcher, faſt wiſſenſchaftlicher Art war. Wenn auch 
die Inhalte, an denen die Sprache erlernt und geübt wurde, die der Religion waren, 
alle die Gebete, die heilige Schrift und das an ſie ſich anſchließende Schrifttum, ſo ſtand 
in dieſem Unterricht doz als ein Unentbehrliches, Weſentliches die Einführung in die 
Sprache, die zwar eine Sprache der Gemeinſchaft, aber nict die Mutterſprache, eine 
Sprache für alle, aber nicht die des Alltags war. Dieſen Charakter behielt er, aud) als 
3. B. in Deutſchland und den öſtlichen Nachbarländern, na denen deutſche Juden im 
Mittelalter auswanderten, ſich eine Sprache, die jüdiſch-deutſc<he, bildete, die unter dem 
Einfluſſe des Hebräiſchen Beſtandteile aus dieſem in das Deutſche einfügte, die Alltags- 
ſprachealſo hebraiſierte. Das Hebräiſche blieb troßdem eine zweite, eine andere Sprache, 
und der Religion5sunterricht hatte, nach wie vor, ſeinen literariſchen Zug. 
Dieſer Zug wurde durch ein anderes verſtärkt. Der Gedanke des Anteils aller am Prie- 
ſtertum war ſchon früh zu dem des Anteils aller auch am religiöſen Wiſſen 
geworden. Den Prophetenſaßz (Jeſaias 54, 13): „alle deine Uinder Jünger Gottes!" 
hatte ſchon die alte paläſtinenſiſche Bibelüberſezung wiedergegeben mit den Worten: 
„Alle deine Kinder vertraut mit der Lehre Gottes !" Das Eindringen in das religiöſe 
Schrifttum wurde eine Sorderung, die ſid) an jeden richtete, Mit ihr wurde in ſo hohem 
Maße Ernſt gemacht, daß 3. B. ſelbſt die jüdiſche Religionsphiloſophie und aud) die 
Myſtik des Mittelalters ſo tief in die Geſamtgemeinde eingedrungen ſind, daß ſie in ihr 
zu einem Beſihtum wurden. Kennzeichnend iſt ſchon, daß ſelbſt das Wort „Lernen“, das 
im Judentum gemeinhin von der Aneignung des religiöſen Schrifttums gebraut iſt, 
in dem Ton und Gehalt, den es hier gewann, mehr unſerem Wort „Studieren“ nahe iſt, 
als unſerem Worte „Lernen“. Cs war in der Tat ein Studium, das der religiöſe Unter- 
richt bedeutete, allerdings auch mit der Einſeitigkeit mittelalterlichen Studiums, daß, 
mit jeltenen Ausnahmen, nur das männliche Geſchlecht den Weg zu ihm hatte. Der 
eigentliche Religions unterricht war ein Unterricht, der ihm allein gewährt war, 
Wie dem heranwachſenden Mäd<en der Lebensſtil auc ſchon im weſentlichen dur< das 
Erlebnis des hauſes allein beſtimmt ſein konnte, ſo beſchränkte ſic) der Unterricht, der ihm 
zu Teil wurde, im großen und ganzen auf die Einführung in die häuslicen Saßzungen 
und in das Gebetbuch. Aber in ihren Männern wurde die Gemeinde dafür faſt eine 
Gemeinde von Theologen; in dem Erlebnis, das die Gemeinde bot, war aud) das Er- 
ſebnis dieſer Gelehrſamkeit aller.
	        

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