Full text: Allgemeine Didaktik und Erziehungslehre (3)

Die neue Zeit und der Konflikt 279 
 
4. Die neue Zeit und der Konflikt 
Dieſe Lage und dieſe Aufgabe der religiöſen Erziehung blieben die gleiche überall in 
den jüdiſchen Gemeinden, bis am Ausgang des 18. Jahrhunderts die neue Zeit für die 
Juden Mittel- und Weſteuropas anhob. Es war eine durdzaus neue Zeit, bezeichnet durd) 
den Auszug aus dem Ghetto, der alten „Judengaſſe“ mit ihrer Lebensgemeinſchaft. 
Jetzt wurde die Cage für die religiöſe Erziehung eine durd)aus andere. Die Hluf- 
gabe beharrte aber im weſentlichen ſchon vermöge der konſervativen Kraft, die allem 
Religiöſen innewohnt, und dann vermöge des Bedürfniſſes nach religiöſer Kontinuität, 
das ſic) bei der Beſinnung nad) der erſten Umwälzung regte. 50 mußte ein Wider- 
ſpruch zwiſchen Lage und Aufgabe entſtehen und ſich immer neu dartun; er wurde zum 
inneren Konflikt der religiöſen Erziehung, zu ihrem Problem, das bis in die Gegenwart 
hineingreift. 
Die Lage war eine andere, weil die Rindheits- und Jugenderfahrungen, von denen 
die religiöſe Erziehung bisher ausgegangen war, ſic) mehr und mehr abſchwächten und 
hier und dort ſogar ſchwanden. Allmählich und unwiderſtehlid) löſte die neue Zeit jene 
geſchloſſene Cinheitskultur auf, die dem jüdiſchen Weſen und Leben bis dahin das Cigene, 
den Stil gegeben hatte. Der Jude trat aus ſeinem bald gegen ihn, bald durd) ihn ab- 
gegrenzten Sonderdaſein heraus und trat in die europäiſche Geſamttkultur ein; ſie be- 
anſpruchte jetzt einen Teil ſeines äußeren wie vor allem ſeines inneren Daſeins. Das 
Religiöſe, das Jüdiſche konnte nicht mehr wie bisher den ganzen Inhalt ſeines Geiſtigen, 
Seeliſchen, ſondern nur ein mehr oder weniger beſtimmendes Stü desſelben erfaſſen. 
Die Erlebniſſe von Haus, Gemeinde und Geſchichte vermochten nicht mehr in der alten 
Weiſe wirkſam zu werden; aus dem Erlebnis wurde bloße Anregung und zuleßt vielleicht 
eine bloße Runde von vergangenen Tagen. 
Das Haus ſtand nicht mehr in der Einheitlichkeit gleichgearteter Umwelt. Cs hatte 
ſeinen Platz jezt neben den häuſern anderen Weſens, und dieſe neue, die andere Umwelt 
drang in ſeine Innenwelt ein. Ebenſo, und wohl no mehr, erfuhr es die Gemeinde. 
Sie, die bisher ſowohl im Räumlichen wie im Geiſtigen ein in ſich geſchloſſenes Gebilde, 
gewiſſermaßen eine Polis geweſen war, verlor in jener wie in dieſer Hinſicht ihre Grenzen 
und damit ihre Beſtimmtheit; ſie umfing den Einzelnen nicht mehr. Am meiſten wohl 
begann die geſchichtliche Situation ein anderes zu bedeuten. Das neue Jahrhundert 
brachte, wie überhaupt dem Diſſenter, jo der jüdiſchen Minderheit die Anerkennung 
und damit die Aufnahme in den Staat, die Teilnahme an ihm; der Jude erhielt das neue 
Gebiet der Geſchichte für ſein Bewußtſein wie für ſeine Aufgabe. Das alte einfache 
religiöſe Erlebnis und der alte Lebensſtil hörten auf, zum mindeſten in ihrer alten Na- 
türlichfeit und Selbſtverſtändlichkeit. Aus dem Uaiven wurde, oft beſtenfalls, ein Senti- 
mentales. Aus dem, was die Gemeinſchaft gegeben hatte, wurde zumeiſt etwas, was 
nur nod) in einem Geſellſchaftlichen, Shuliſchen gegeben ſein konnte. Die Verwirk>- 
lichung des Lebensſtils wurde aus einer werdenden, wächſenden Lebenserfahrung zu 
einem Unterrichtsgegenſtand mit einigen Stunden. Die Zeit des eigentlichen Unter- 
richts in der Religion begann und in ihm, da die feſtgehaltene Beſtimmung nun der 
veränderten Situation gegenüberſtand, nur zu oft ein Konflikt mit haus, Gemeinde 
und Geſchichte. 
Er wurde dadurc vertieft, daß er zugleic) zum Konflikt mit dem alten „Geſetz“ und 
dem Sabbat wurde. Das Prinzip des „Geſetzes“ war die Durchdringung und Heiligung 
des ganzen Lebens und damit eine Abgrenzung geweſen; mit dem Schwinden der bis-
	        

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