Full text: Allgemeine Didaktik und Erziehungslehre (3)

280 Die jüdiſche religiöſe Erziehung 
herigen Grenzen verlor es daher viel von ſeiner lebendigen Geltung. Den Sabbat 
wiederum ſtellte der Eintritt in die bürgerlice Geſamtheit je länger deſto mehr gegen 
den bürgerlichen Ruhetag hin; er mußte dieſem gegenüber den Kampf um den Daſeins- 
raum führen. Der alte Rhythmus des Lebens hörte mehr unb mehr auf. Einen Konflikt 
bedeutete auc) die Stellung des Hebräiſchen im Religionsunterricht. Dieſer hatte bisher 
ſeinen kulturellen Charakter gerade dur das Hebräiſche gehabt, da dasſelbe, ähnlid) 
dem Lateiniſchen im <riſtlicjen Mittelalter, für die Gemeinde die Sprache der Wiſſen- 
ſchaft und auch der Bildung geweſen war. Die Einfügung in die europäiſche Kultur 
ließ ihm hier allein den Platz eines Hiſtoriſchen. Cine Gegenwart behielt es nur noch 
im Gottesdienſte, und auc hier wurde ſein Gebiet beengt und angezweifelt. Auch die 
Hontinuität der religiöſen Bildung war ſo vielfad) unterbrochen. 
Ein Geringeres war es demgegenüber, daß die neue Zeit eine Auflöſung des alten 
Welt- und Lebensbildes gebracht hatte. Die neuen wiſſenſchaftlichen Erkenntniſſe haben 
in die jüdiſc;e Gemeinde kaum je weſentliche Erregungen hineingetragen; ſcon das 
kopernikaniſche Syſtem war ohne eigentlichen Widerſprud) von ihr aufgenommen wor- 
den. Da das Judentum den Wert auf die Heiligung und den Lebensſtil, alſo auf das 
Tun und die Dervv'rklichung legte, jo konnte es den Glaubens g e d anken eine größere 
Sreiheit gewähren und fühlte ſid) daher in den Sragen der Wiſſenſchaft kaum maßgebend 
gebunden. Um ſo weniger brauchte dies der Fall zu ſein, da der jüdiſchen Gemeinde, 
ihrer geſchichtlichen Cigenart gemäß, einerſeits das kirchliche Dogma, die in endgültigen 
Begriſfen ausgeprägte Glaubensformel, anderſeits die konſtituierte kirchliche Autorität, 
die eingeſetzte Glaubensobrigkeit, fehlt. 50 haben die Auseinanderſeßzungen, die ander- 
wärts den Glaubensbereid) zu bedrohen ſchienen, hier weniger bedeutet. Der andauernde 
Konflikt trat von jener anderen Seite her ein, und für die religiöſe Erziehung kommt alles 
darauf an, ihn zu überwinden. 
5. Milieufrömmiglkeit und Individualſrömmigkeit 
Von einem iſt vorerſt auszugehen, von der Anerkennung der veränderten Lage und 
dem daraus folgenden Erforderniſſe einer neuen Grundlinie der religiöſen Erziehung. 
Wo dieſe gegeben iſt, zeigt ſich an der Unterſcheidung zweier, in ihrer Eigentümlichkeit 
weſentlicher Frömmigkeitsformen, der Milieufrömmigkeit und der Individualfrömmig- 
keit. Sie ſind durd) die Verſchiedenheit ihrer pſychologiſchen Wurzel gekennzeichnet. 
Sür die Geſtaltung der erſteren iſt ein Primäres das vorhandene oder zu ſchaffende 
Milieu, die Umwelt alſo und die Gemeinſchaft. Sür die Geſtaltung der 
anderen iſt ein Primäres die Erfahrung und Erkenntnis des Individuums, 
die Innenwelt alſo und die Perſönlichkeit. In beiden iſt der Wert ſowohl von Innen- 
welt wie von Umwelt begriffen und betont, aber die Beſtimmtheit des Werdens 
und Beginnens iſt hier eine andere als dort. 
Die herkömmlidye jüdiſche Srömmigteit iſt in ihrem Charakteriſtiſc)en unverkennbar eine 
Milieufrömmigkfeit. Sie hatte als ſolche ihr Natürliches, Gewachſenes, ihr Selbſtverſtänd- 
liches und Naives, Aber es liegt in ihrem Weſen, daß ſie nur auf ihrem einmal gegebenen 
Boden und in ihrer beſonderen Atmoſphäre gedeiht. Sie kann in ihrer Art ſchwer um- 
gepflanzt werden, zumal in ein Gebiet anderen geiſtigen Klimas. Abgeſehen von den 
dargetanen anderen Gründen hat darum ſchon die Freizügigkeit, die das Jahrhundert 
brachte, mit den Wanderungen vor allem aus der kleinen in die große Stadt ihr viel von 
dem Plaße ihrer Wirklichkeit genommen. Wie ſehr ſie im Grunde oft nur ein Stüd Heimat
	        

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