Die ſtaatliche und nationale Erziehung
Wer eine moderne Werkſchule, wie das Bauhaus, von einer freien Geſtaltung
nur das innerlich Sinnvolle verlangt und hiſtoriſche 5ormen ablehnt, ſo iſt das
ganz in der Ordnung. Ein Kunſtwerk iſt etwas Abſolutes. Schwierig kann höchſtens
ſeine Einordnung in ein gegebenes Ganze ſein, und ſtädtebaulid) ſind Rüſichten geboten.
Aber aud) da bleibt das Urteil frei; man unterſcheidet und wählt.
Anders ſteht es um unſer ſtaatliches Daſein. Da gibt es nie und hat es nie gegeben
eine völlig freie Schöpfung, ſondern immer nur Umbau, Erweiterung, „Städtebau“
(das wäre etwa „Politie“). Die Polis, die Stadt, der Staat iſt etwas Lebendiges, und
das kann man nicht machen. 5o liegt im Weſen der Dinge ein Zuſammenhang von Ge-
ſchichte und Politik, und es mag das Gegebene ſein, daß ein Hiſtoriker zu den Sragen von
Staat und Staatserziehung das Wort nimmt.
I
Wie aber in dem „richtigen“ Derhältnis des Hiſtorikers zum Politiker ſchon ein
ſchweres Problem ſtet, ſo iſt einſtweilen auch no< der ganze weitere Weg zur ſtaats-
bürgerlichen Erziehung förmlid) verlegt von ſchwerwiegenden Problemen. Cin Der-
treter der Geſchichtswiſſenſchaft muß ihnen au< da mutig ins Geſicht ſehen, wo ſein
eigenes gelehrtes Rüſtzeug ihn im Stich läßt.
Das Problem Geſdjichte und Politik liegt weniger in der Bemeſſung des Anteils von
überkommenen Werten und Inſtitutionen an dem Leben der Gegenwart; darüber ent-
ſcheidet jede Generation dur den Spruch der Macht. Und für dieſe kann mon ſi
eine völlig affektionsloſe Einſtellung zu dem „Geſchichtlichen" denken. Eben deswegen
liegt das Problem nicht eigentlic) hier, ſondern in der viel allgemeineren Frage nach dem
Werte des geſchichtliczen Bewußtſeins für ein Volk überhaupt; nach dem Werte alſo
des bewußten Zuſammenhangs von Dergangenheit und Zukunft, na geſchichtlicjer Bildung auf das Handeln in irgend einer Gegenwart, und deshalb nach
der Rolle des Geſchichtsunterrichts in der Staatserziehung. Die „hiſtoriſche Schule“,
insbeſondere die hiſtoriſche Rechtsſchule ſah in dem „Werden" des Rechts und der Sitte
die Gewähr ihrer objektiven Heiligkeit. *) Sie ſah darin das Lusſtrömen von Recht und
Sitte aus der Seele des Dolkes, ſtatt aus willkürlicher Saßung, -- mindeſtens eine Be-
währung des Rechtes durd) ſein Alter. Deshalb forderte ſie die Geſchichte und den ge-
ſchichtlichen Sinn geradezu als Kern und Träger des Staatsgefühls. Die großen Samm-
lungen unſerer nationalen Geſchichtsquellen, zuerſt der Monumenta Germaniae Histo-
r1ca, ſind aus dieſem Geiſt geboren: Sanctus amor patriae dat animum. Nießſche da-
gegen befürchtete von hiſtoriſcher Bildung eine Lähmung der Initiative, eine Belaſtung
der Gedanken, ein Rü>wärtsbliken ſtatt des geſunden Vorwärtsdrängens, *)
1) v. Savigny Sriedr. Carl. Dom Beruf unſerer Zeit für Geſezgebung und Rechtswiſſen-
ſchaft. Heidelberg 1814,
2) Niethſ Betrachtungen. Band 1. 1873. 2. Aufl. 1893,
Nohl- Ballat, Handbud) der Pädagogik, 111 19

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