290 Staatliche und nationale Erziehung

In beiden Gedankengängen ſtedt offenbar etwas Richtiges. Das Entſcheidende für
unſer Problem kann deshalb weder in dem einen, nod) in dem anderen liegen, ſondern
zunächſt nur in der Tatſache, daß erfahrungsgemäß die Menſchen ſich immer mit Ge-
ſchichte beſaſſen und in der Geſchi mit geſchichtlicen Gründen denken und urteilen. Da das nun einmal ſo iſt, ſo wird es
wirkli) ein unabweisbares UAnliegen, echte Geſchichte, d. h. wirklicje Erfahrung, von
erdichteter und geglaubter Geſchichte zu ſc)eiden. Geſchichtliches Rüſtzeug iſt alſo min-
deſtens zur Abwehr falſcher Feldzeichen auch im Staatsleben unentbehrlich. Sollte
nicht auch poſitiv die geſammelte und geordnete Erfahrung von Generationen, Völkern,
Jahrhunderten bei Beurteilung von Staatſachen etwas ausmoöod)en? Wo haben wir
ſonſt die Kette der Vorausſezungen, Handlungen und Folgen derartig auf weite Sicht?
Wo haben wir ſonſt ſo reine, oft nachgeprüfte Erfahrung, als in der Geſchichte? Wo
tritt uns ſo weit reichend die Größe einzelner Menſchen, aber auch ſo erſchütternd das
Verſagen derjenigen entgegen, die in wichtiger Zeit am unrichtigen Platz geſtanden?
Geſchichtliche Erfahrungen alſo ſind von jeder Art ſtaatsbürgerlicher Tätigkeit nicht zu
trennen,
Damit iſt natürlich noch garnichts ausgeſagt über den notwendigen oder ausſchließ-
lichen Zuſammenhang von geſchichtlichem und ſtaatsbürgerlichen Unterricht.
II
Halten wir uns nun näher an das uns geſeßte Thema der ſtaatlichen und nationalen
Erziehung, ſo liegen ſchon in den beiden Begriſfen von Staat und Nation zwar nicht
gerade ſchwerwiegende Probleme, wohl aber erhebliche Schwierigkeiten tatſächlicher
Verſtändigung.
Über das Weſen der Uation und der Nationalität kann man ſehr viel Unzulängliches
und ſehr viel Doktrinäres leſen. ?) Sowohl das Weſen der Uation wie ihr Derhältnis
zum Staat ſind nur hiſtoriſch wirkli) zu begreifen. Cs iſt im einzelnen tauſendfach) ver-
ſchieden. Die Dedung von Nation und Staat, eine Zeitlang höchſter Glaubensartikel
der europäiſchen Staatskunſt, Shlagwort Napoleons II1., iſt in aller Geſchichte äußerſt
ſelten geweſen; und noh. Wagen wir einen Augenblid eine vergleichende Betrachtung!
Es gab Nationen längſt vor ihren Staaten, und umgekehrt Nationen, die erſt durc ihren
Staat geſchaffen worden ſind. Zu Dantes Zeiten oder wenigſtens ſeit ihm, ſeinem
Lebensgefühl und ſeiner Sprache gab es eine italieniſche Nation. Aber ihren Staat
hat ſie ſich erſt 1859 oder 1870 geſchaffen; und auch heute nod) de>en ſic Nation und
Staat nicht; in Dalmatien verſidert die italieniſche Uationalität irgendwo; am Etſd)
überſchreitet der Staat ihre Grenzen; in Corſica, Savoyen und Uizza bleibt er dahinter
zurük; evenſo im Teſjin. Umgekehrt gibt es gewiß eine holländiſche Sprache und Nation,
aber erſt als ein junges Ergebnis der Geſchichte des holländiſchen Staates -- nicht vor
dem ſpäten 16. Jahrhundert. Dasſelbe vollzieht ſid) vor unſeren Augen in den Ver-
einigten Staaten von Nordamerika.
Die Srage, weld)es Moment beim Aufbau einer Nation das entſcheidende iſt, läßt
ſich allgemein überhaupt nicht beantworten. Die naive Auffaſſung ſtellt ſich die Nation
1) Kir< hoff, Klfred, Zur Verſtändigung über die Begriſſe Nation und Nationalität.
Halle 1905. Hartmann, L. M. Die Nation als politiſcher Faktor (Verhandlungen des
2. deutſchen Soziologentages 1912) Schriſten der deutſchen Geſellſchaft für Soziologie 11, Tübingen
1913. Kautsky, KH. Die Befreiung der Uationen, Stuttgart 1917.

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