Das Weſen der Nation 291

als große Derwandſchaft, als Abſtammungsgemeinſc einheitliches Dolkstum. Dieſelbe Dorſtellung liegt dem lateiniſchen Worte Nation zu-
grunde, Indeſſen, nur das Maß der Blutmiſchung iſt verſchieden; völlige Blutreinheit
iſt ein eingebildeter Begriff. Vollkommene Inzucht iſt ſo ſelten, wie etwa die vorwals-
tende Neigung nad) Blutmiſchung auf weiteſten Abſtand; Miſchungen von Sarbigen
und Weißen empfindet man weithin als ſtörend. Aber zwiſchen den Extremen liegen
alle Grade der Möglichkeiten. Aud innerhalb einer Nation, die ſich als gleic) emp-
findet, gibt es Stammesunterſchiede, die oft unüberbrü>bar erſcheinen und ſelbſt wieder
zurüägehen auf ungleiche Miſchung oder rein politiſche Tatſachen. Man denke an den
Gegenſaß der Schotten zu den Engländern, und anderſeits wieder an die ungewöhnlid)
ſtarke Blutmiſchung im Engländer ſelbſt, der uns ſo einheitlid) ſcheint; da liegt zugrunde
urſprüngliches und keltiſches Volkstum, dur angelſächſiſc)en Eroberern, däniſchen und nordiſchen Abenteurern, bis ſchließlich die
Normannen aus der Uormandie Staat, Beſitz und Kultur von Srankreich aus maß-
gebend geformt haben. Wenn immer alſo gleich und gleich ſi) gern geſellt, ſo kann dod)
der Maßſtab nationaler Einheit im Ernſte nicht in der Blutreinheit liegen.*)
Dielleicht in der Sprache? Aud) ihre Bedeutung für den Aufbau der Nation iſt ſichtlich
ſehr verſchieden groß. 50 wird gerade der Angelſachſe ſ rechnen, der ſeine Sprache ſpricht. Eher ſchon der Franzoſe. Der Deutſche hätte vielleicht
am meiſten Recht darauf, zumal es nachgerade ein ſo gewaltiges, mindeſtens 10 Millionen
betragendes Auslandsdeutſchtum gibt, daß wir uns von vornherein dieſen Unterbegriff
merken müſſen, der in der gegenſeitigen Gaſtlichkeit der Nationen beruht. Vom UAus-
landsdeutſchtum unterſcheiden wir no< das Grenzlanddeutſchtum, ohne ſelbſt damit
die nicht dem deutſchen Staate angehörigen Deutſchen erſchöpft zu haben. Grenzland-
deutſche leben in verlorenen Bezirken unſeres alten Staates. Über die Deutſchen in der
Schweiz, die ſtarken deutſchen Minoritäten in der Tſchechoſlowakei und im Baltikum
ſtehen wieder anders zu uns als die Abgetrennten aus jüngſter Zeit. Und nun gar Öſier-
reich; man weiß, wie ſehr das deutſche Reich und Öſterreic ſogar in ihren beiderſeitigen
geſchriebenen Staatsverfaſſungen auf ihren Zuſammenſchluß Bedacht nehmen. Wir
haben allen Grund, das im Auge zu behalten.
Was die Nationen außer ihrer Stammes- und Sprachgemeinſchaft zuſammenſchließt,
iſt ihre Geſchichte und Literatur, ihre Kunſt und ihre Kultur im höchſten Sinne. In der
Zeit, da in Deutſchland die „klaſſiſche“ Kunſt der Griechen wieder entde>t wurde, und
man bald hinter der hohen Kunſt auch ein Dolkstum höchſter Geſchloſſenheit ſuchen zu
müſſen glaubte, entſtand ein neues Ideal der Völkerkunde. Man glaubte nun überall
das eigentümliche, aus einheitlichen Reimen aufblühende Weſen der Dölker erkennen zu
müſſen, was denn wirklid) auc für beſtimmte Zeitperioden zu gelingen ſchien. Indeſſen,
ſchon die Sprache, die Lehnwörter, die Syntax, die Literaturen verbinden, wie jede
tiefere Beſchäftigung lehrt, das einzelne Volk erſt re wandter Dölker und Rulturen. Wie viel mehr erſt Denken, Glauben und Geſtaltung.
Unſere ganze geiſtige Vergangenheit fügt uns nacheinander ein in verſchiedene große
Hulturfamilien, deren Erben wir ſind.
So läuft man alsbald Gefahr, den feſten Boden zu verlieren, wenn man das Weſen
der Nation aus Abſtammung oder Sprache oder Kultur allein glaubt verſtehen zu können.
1) Brandi, Karl, Die Idee in der Geſchichte der deutſchen Politik. Bericht über die Reichs-
konferenz der Reichszentrale für heimatdienſt. Berlin 1927, 8. 48 ff.
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