Die Kunſterziehung
UHunmterziehung izn Sinne der Schöpfer dieſes Wortes, der Veranſtalter der drei Kunſt-
erziehungstage in Dresden (1901) Weimar (1903) und Hamburg (1905), hat ihren
Urſprung in der geiſtigen Reformbewegung, die ſid) in den achtziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts zu regen begann; aber zum Leben und zur Wirkung iſt ſie erſt durd)
jene drei Tagungen gelangt. Wenn wir zurüdbliden auf die ſeitdem verfloſſene Zeit
und verſuchen, uns klar zu maden, wo wir heute ſtehen, ſo können wir die Wege, die
die Kunſterziehung eingeſchlagen, die Erfolge, die ſie erzielt, und die Aufgaben, die ſie
noch zu erfüllen hat, nur richtig würdigen, wenn wir ausgehen von dem, was die Ver-
anſtalter jener drei grundlegenden Tagungen gewollt haben.
I
Am Schluſſe des erſten Kunſterziehungstages faßte Hermann Brandi in der in-
ſprache, die er im Namen ſämtlicher vertretenen Unterrichtsbehörden hielt, ſeine Ein-
drüce von der Tagung in die Worte: „Wenn id) Ihre Verhandlungen richtig aufge-
ſaßt habe, ſo handelt es ſic) nicht um die Erziehung zu irgendeiner künſtleriſchen Be-
ſähigung der Jugend, überhaupt auc) weniger um neue Lehrgegenſtände, als viel-
mehr um ein Prinzip, das den Geſamtbereid) des erziehenden Unterrichts durdringen
ſoll, von der Kinderſtube bis zur Univerſität einſchließlich.“ Und darum handelte es
ſic für Männer wie Lichtwark, Goeße und andere in der Tat: nicht nur um
ein hinführen der Jugend zur Uunſt, nod) aud) nur um Bereidyerung ihres Innen-
lebens dur Kunſt, ſondern um eine Neugeſtaltung der geſamten Erziehung aus dem
Geiſte der Kunſt. Aber aud) das war nicht, wie ſpäter vielfa< aus Mißverſtändnis an-
genommen wurde, ſo gemeint, als ob die Uunſt an die Stelle anderer Bildungsinhalte,
des religiöſen, ethiſchen, ſtaatsbürgerlichen oder ſozialen treten ſolle, oder als ob der
äſthetiſche Menſch der Zwed der Erziehung ſei. Gemeint war vielmehr, daß es darauf
ankomme, aus natürlichen Anlagen ein Können zu entwideln, das den heranwachſenden
Menſchen in ſteigendem Maße befähige, nicht nur geſtaltete, d. h. in Zorm gebrachte
Werfe und Menſdzen zu verſtehen und zu würdigen, ſondern auch und vor allem ſein
eigenes Schaffen und ſchließlid) ſich ſelbſt und ſeine Umgebung in Form zu bringen.
Aud) über die Mittet, die zur Erreichung dieſes Zieles dienen können, iſt auf den drei
Kunſterziehungstagen alles Weſentliche geſagt worden. Sreilich iſt vieles davon ver-
ſte>t zwiſchen Äußerungen von Rednern, die nur das jeweils behandelte Kunſtgebiet
und deſſen Sruchtbarmachung für die allgemeine Erziehung oder au) nur deſſen Pflege
als ſole im Auge hatten. Worin alle Mitwirkenden einig waren, iſt leichter zu greifen;
es iſt aber mehr nach dor negativen als nad) der poſitiven Seite hin von Wert. Über-
einſtimmung herrſchte --- wenigſtens unter den Veranſtaltern der drei Tagungen ---
darin, dak die Uunſterziehung nicht auf ein Populariſieren des Kunſtwerks hinaus-
laufen dürfe. Es gelte, das Volk dur<; Kunſt hinauf, nicht aber die Nunſt zum Volk
herabzuziehen. Hungrig nach Uunſt müſſe man die Seele maden, zumal in der Jugend,
nicht ſie überſättigen, wie es bisher die Schule mit ihrem Lehrſtoff, beſonders dem
literariſchen, getan habe. Ferner war man darin einig, daß die Schule nicht Künſtler
heranzubilden, ſondern nur die Auſnahmeſfähigteit für Kunſt zu we>ken habe. Aber

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