Full text: Allgemeine Didaktik und Erziehungslehre (3)

506 Heilpädagogi! 
 
auf dem Wege. Hus Liebe zum Erzieher ſoll das Rind Sorderungen, die es ſonſt vielleicht 
nie erfüllen würde, auf ſic) nehmen. Wir dürfen uns „nicht mit jenen vorübergehenden 
Erfolgen beanügen, die in der erſten friſchen Gefühlsbindung des Zöglings an den Exr- 
zieher ſich ergeben". Es muß uns „gelingen, den Zögling unter dem Drud der Über- 
tragung zu einer ganz beſtimmten Leiſtung zu nötigen. , . . Sie beſteht in einer 
wirklichen Charakteränderung, im Aufrichten des ſozialen Ichideals" (Aichhorn). Dieſe 
Anderung kann dann erſt die endgültige Sreiwerdung des Zöglings und damit die Los- 
löſung von der Führung durd) den Erwachſenen einleiten, --- 
Nun iſt es ganz ſicher, daß derjenige Jugendliche, der nach Ergänzung und Verſtändnis 
verlangt, und zumal der Verwahrloſte, der ſolH<e Ergänzung häufig noh nie gefunden 
hat, durc< das Erlebnis perſönlichen Cinſaßes erſchüttert werden wird. Weil ſein Der- 
hältnis zu den Menſchen ihn auf den falſchen Weg getrieben hat, kann nur wieder ein 
„ Menſd) ihm die Möglichkeit einer anderen Beziehung zu ihnen erſchließen. Cs gibt in 
der Heilerziehung aber aud) ganz anders verurſachte Schwierigkeiten, denen gegenüber 
der geſchilderte Weg verſagt. Es gibt Rinder, die gerade Ruhe vor perſönlichen Er- 
ſchütterungen brauchen, es gibt andere, die jede Bindung vorerſt ſo triebhaft vollziehen, 
daß aus ihr erwachſene Verpflichtungen nicht anerkannt oder dod ſo eng an ſie ge- 
bunden werden, daß ſie keine ſelbſtändige Motivkraft gewinnen. Uamentlich der anders- 
geſchlechtlicze Erzieher ſieht beim DVerſu) der Loslöſung des Zöglings von der LAb- 
hängigleit an ſeine Perſon oft, daß damit ſofort alle Erfolge in Zrage geſtellt ſind. Schließ- 
lich gibt es eine große Gruppe von Kindern „mit einem ſc<hwachen I<, denen die Fähigkeit 
fehlt, richtunggebend in das Triebleben einzugreifen", die Haltloſen, die „Inſtables“. 
Kann man ihnen allen auf dieſem einen Wege perſönlicher Bindung helfen? Selbſt 
Aichhorn ſcheint das nicht ohne weiteres zu bejahen, -- 
Sicher iſt, daß das Kind unbedingt die ruhige Gewähr haben muß, daß es ſeiner Um- 
gebung vertrauen kann. Aber nicht nur das Verhältnis zu den Menſchen in ihr iſt wichtig, 
jondern gewiß auch zu den ſachlichen Forderungen, die das Leben ſtellt. Es muß von 
vornherein neben den perſönlichen auc) Sa<hbeziehungen als Anſaßt- 
punlte der Erziehung geben. Es iſt nicht ſo, daß inhaltliche Ziele und In- 
tereſſen allen Kindern fehlen, die in Heilerziehung ſtehen. Man mag ſieihnen vielfad) durd) 
Verbote genommen, durd) Überforderung verleidet haben; vielleicht hat man ihnen 
gar nicht die Möglichkeit gegeben, ſie zu entwideln =- das Großſtadtkind iſt das traurigſte 
Malſenbeiſpiel dafür. Sie können das Uind auc auf Irrwege geführt haben, wie den 
kindlichen Tierquäler, der ſic) manchmal erſtaunlid) raſch zum Tierpfleger entwidelt hat. 
Recht oft hat die Schule bei Kindern, die ſie überbürdet, eine freie Intereſſenentwidlung 
verhindert; immer wieder trifft man 3. B. junge Mädchen, die die Verzweiflung der 
Schule und der Samilie bildeten, bei hauswirtjchaftlicher oder kinderpflegeriſcher Tätig- 
keit aber plötlich viele von ihren Schwierigkeiten abſtreifen. Hierher gehören ſchließlid) 
Sälle von Entmutigung, von Scul- und Lebensangſt (Adler). 
Derſte>te Sachbindungen aufzuſpüren und neue einzuleiten iſt hier die erſte Aufgabe 
des Erziehers, Die ſpätere ſoziale Lebenseignung hängt ebenſo von der Fähigkeit ab, 
ſachliche Berufsaufgaben und einfacze Gemeinſchaftsverpflichtungen wenigſtens in der 
Samilie zu übernehmen, wie von der perſönlichen Stellung zur mitmenſchlichen Umwelt. 
Manchmal genügt es, das Kind in einer arbeitsfreudigen Gruppe eine Zeitlang mittun 
zu laſſen, um in ihm die gleiche Sreude zu weden. Meiſt wird es freilich eine längere 
vorſichtige Einführung brauchen. Ein großer Vorteil ſachlic)er Verpflichtung gegenüber
	        

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