Full text: Allgemeine Didaktik und Erziehungslehre (3)

Arbeitsfreude 507 
 
aller perſönlichen Einwirkung iſt die Eigengeſeßlichkeit, mit der ein geſeßtes Ziel faſt 
automatiſch Sorderungen an das Kind ſtellt, während jeder perſönliche Anſprud) viel 
leichter den Charakter des Willkürlichen trägt. Allerdings tritt gerade deshalb auch leicht 
eine Entmutigung ein und es bedarf der ganzen Geſchidlichkeit des helfenden Erziehers, 
die Schwierigkeiten ſo zu bemeſſen, daß ſie no<h eben überwindbar ſind. Hommt es 
dennod) zu einer Enttäuſchung und Entmutigung, ſo muß eine unauffällige Zurüd- 
führung an das Werk, vielleicht unter etwas erleichterten Bedingungen, verſucht 
werden. . | . 
Hat ſid) das Kind aber einmal an ſeine Ar b eit gehängt, ſo iſt viel erreicht: In 
dem Erleben der „gehobenen Gefühle" der Schaffensfreude, des Wetteiferns, des 
Wollens, der Ausdauer „in Spiel und Sport, in jeder fortſchreitenden Arbeit, in den 
Willensübungen aller Art, die den Jungen die glü>liche Erfahrung des Überwindens, 
des Durchhaltens madyen laſſen, in der Steigerung dieſer Gefühle gehobenen Lebens 
durc) die Teilnahme an Sieg und Erfolg der Gemeinſchaft iſt das große Mittel gegeben, 
einem anderen als dem bloßen Triebwillen zur Herrſchaft in der Seele zu verhelfen“ 
(Uohl). Dorausſezung des Gelingens iſt freilich, daß die Arbeit nicht unter dem Ge- 
ſichtspunkt der Beſchäftigung und des geregelten Anſtaltsbetriebes „ausgeteilt“ wird, 
ſondern daß das Uind Sreude an ihr haben, und d. h. auf die Dauer vor allem: einen 
Sinn für ſich ſelbſt inihrſehen kann. Das iſt ganz leicht bei der noch faſt ſpielenden 
Tätigkeit der Kinder, ſchwer bei dem Jugendlichen, der Arbeit bereits als Laſt und Sron 
kennen gelernt hat und vielleicht erſt ſehr ſpät im Lauf der Erziehung den Sinn ſachlicher 
freiwilliger Arbeit begreift. Aber ſelbſt hier kann durch die Art der Zuſammenarbeit, 
dur) ihr Ziel, durd) eine Nachprüfung der Berufswahl und nachträgliche Berufsaus- 
bildung nod viel getan werden. Hier liegt der beſte änſaßpunkt für jede Arbeitszerzie- 
hung von Abnormen. Aus der Einſicht in die Notwendigkeit gegenſeitiger Ärbeitshilfe 
kann ſich dann mit dem Bewußtſein von den Uotwendigkeiten gemeinſamen Lebens 
überhaupt aud) der Sinn für ſreiwillige Mitarbeit in der Gemeinſchaft entwi>deln. Denn 
wo immer 3 u e rſt der Ausgleich des erſchütterten Ichs geſucht wird, -- im Bewußtſein 
der Leiſtung und der damit wachſenden Sicherheit oder zuerſt in der Bindung an einen 
oder wenige Menſchen -- auf beiden Wegen muß das Kind ſchließlich zum Erlebnis 
umfaſſender Werte gelangen: der Sinn geordneter Gemeinſchaft kann ſowohl aus der 
zur Kameradſchaftlichkeit erweiterten Neigung zum Führer der Gruppe wie aus dem 
freudigen Erleben gemeinſamen Schaffens und der Erfahrung ergriffen werden, daß 
ſie Dorausſezung jedes fruchtbaren Tuns iſt. 
Aber genügen die geſchilderten Wege für alle abnormen Rinder? Es gibt ſicher Grup- 
pen, die die Aktivität und ſtetige Verpflichtung, die im Mittragen der Gemeinſchaft wie 
in jeder hingabe an ſachliche Aufgaben liegen, nicht aufbringen. hier kann der Rat der 
Individualpſychologen, die Notwendigkeiten des Gemeinſchaftslebens auf das Uind 
wirken zu laſſen, es den Folgen ſeines Tuns zu übergeben, der richtige ſein. Die Un - 
erbittlichkeit des Sachlichen, die Ausnahmen nicht zuläßt und vom 
Erzieher höchſtens gemildert werden kann, wodurch das Kind an ſeine Seite gedrängt 
wird =--- macht auf Kinder manchmal den ſtärkſten Eindru>; nicht ſo ſicher auf Jugend- 
liche, die leicht die Konſequenz ziehen, ſich dem Ganzen als einer Vergewaltigung zu 
entziehen. Die Gefahr beſteht auch, daß dieſer Weg zu einer Pädagogik der Nadelſtiche 
führt, in der Erzieher und Kameraden eine leiſe Schadenfreude an der Selbſtbeſtrafung 
des Miſſetäters empfinden. Grundgedanke muß aud) hier die Hilfe ſein; ſobald das
	        

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