Full text: Allgemeine Didaktik und Erziehungslehre (3)

508 Heilpädagogik 
Kind eine andere Einſtellung bemerkt, beginnt es an der ſachlichen Gegebenheit der 
Widerſtände mit Recht zu zweifeln, wird mißtrauiſch und zieht ſid) in ſic) zurück. 
Darüber hinaus gibt es Kinder, die einen großen Teil ihrer Entwidlungszeit unter 
einer ſtarken Dreſſur ſtehen müſſen. Cs fehlt bei ihnen die Sähigkeit zu kräftiger 
Mitarbeit an der Selbſterziehung, ſie ſind aus einer Schwäche des Willens oder des 
Intellekts nicht imſtande, Vorſäße zu faſſen oder auszuführen. Der Saß Lindworskus, 
daß die Motivation die Stärke des Willens beſtimmt, darf nicht auf ſolche Kinder er- 
ſtre>t werden; er ſelbſt lehnt das aud) ab. Es gehören hierhin die ausgeſprochen Halt- 
loſen und andere [ſchwere Pſychopathen, beſonders aber die ſtar? Zurüdgebliebenen, die 
Infantilen, Imbezillen u. a. m. Bei ihnen muß die Dreſſur, ſonſt vor allem eine 
Erziehungsſtufe für das Kleinkind, ihre Rolle no< dur Jahre weiterſpielen, um die 
„Primitivreaktionen", die Sprunghaftigkeit, Beſtimmbarkeit und Zielloſigkeit des Der- 
haltens zu korrigieren. Sie nimmt dem Kinde Entſcheidungen vorläufig ab, denen es nod) 
nicht gewachſen iſt, und ſucht es in eine Situation zu bringen, die die beſtehenden Schwie- 
rigkeiten zeitweiſe ausſchaltet (3. B. dur Vermeiden von erregenden Ereigniſſen und 
Senſationen bei leicht Erregbaren und Überempfindlichen), und erſtrebt eine gewiſſe, 
vorerſt äußere Beherrſchtheit des Verhaltens, die erſt eine Entwidlung von Intereſſen 
und zielgerichtete, fördernde Tätigkeit ermöglicht. Sie tut das durc; Gewöhnung zu 
ſozialem Verhalten und Übung von einfachen Leiſtungen (vor allem der Konzentration). 
Die Kennzeichen der Dreſſur ſind keineswegs Shematismus, Zwang, Energie und häufige 
Vorhaltungen und Strafen; in der Regel kann ſie ihr Ziel beſſer durd) Anknüpfung an 
die individuellen Zähigkeiten und Neigungen, durd) Ermutigungen, Zureden und Aus- 
ſicht auf Belohnung erreichen. Gefährlid) iſt ein gewohnheitsmäßiger „ſcharfer Ton", 
Ruhe und Geduld ſind die geforderte Haltung des Erziehers aud) in dieſem Zall. So 
wird die Entwieklung von haß und Oppoſition möglichſt vermieden und der Grund ge- 
legt zu einem Verhalten, aus dem allmählid) aud) ſpontane Intereſſen und Zielſeßungen 
ſich entwideln können. So kann aud) die Dreſſur ihr Ziel erreichen, ſich) allmählich über- 
flüſſig zu machen, ohne daß damit ein plößliczer Behandlungswandel verbunden iſt. -- 
Es gibt allerdings einzelne Rinder, hauptſächlid) pſy<hopathiſche Schwachſinnige, die 
eine ſichere Leitung ſehr lange brauen, faſt gar keine Anſätze zu einer Derſelbſtändigung 
zeigen, aud für ganz primitive Notwendigkeiten kein Verſtändnis aufbringen und andre 
Antriebe als grob vitale und ſexuelle kaum zu kennen ſcheinen. Aber aud) leichtere 
Sormen dieſer allgemeinen Entwidlungsunfähigkeit kommen vor; ſolche Kinder können 
nur zu beſtimmten Handlungen und Verhaltungsweiſen abgerichtet werden und bleiben 
leicht auch no als Erwachſene unſelbſtändig und führungsbedürftig. Bei den Haltloſen 
iſt die Hilfsbedürſtigkeit verſtedter: ſie erſcheinen oft fähiger und ſelbſtändiger als ſie 
ſich im Ernſtfall erweiſen. Hier liegen die Grenzen zwiſchen Erziehung und bloßer 
Bewahrung, wie ſie 3. B. in den Heil- und Pflegeanſtalten für ſczwachſinnige Uinder 
oft geübt werden muß. 
Zu den wichtigſten Dreſſurfragen gehört das Problem der Strafe, das in der Heil- 
pädagogik aber völlig ſeinen ſelbſtändigen Charakter verliert. Die Strafe kann in ihr 
nur da als individuelle Maßnahme Platz finden, wo ſie beſſer als jeder andere 
Weg zum Ziele führt. Strafregiſter für beſtimmte Derfehlungen ſind hier unmöglid. 
Der Heilerzieher verzichtet oft auf Strafe, wo das jedem nicht Eingeweihten völlig un- 
verſtändlich bleibt; er weiß, daß dem äußeren Augenblidserfolg der Strafe ein bleibender 
innerer Gewinn gegenüberſtehen kann, wenn in beſtimmten Fällen (und gerade bei
	        

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