Full text: Allgemeine Didaktik und Erziehungslehre (3)

Dreſſur; Strafe 509 
 
ausgeſprochenen Herausforderungen) nicht geſtraft wird. Die Entſcheidung über die 
richtige Behandlung liegt beim einzelnen Erzieher; objektiv gibt es nur die eine ſehr 
dehnbare Grenze, die im Schuß der Mitmenſchen und der grundlegendſten Notwendig- 
keiten des Zuſammenlebens auf einem meiſt ſehr engen Platz liegt. Wo zwiſchen ge- 
dankenloſer Energie und nachgiebiger Schwädhe die geforderte Haltung liegt, kann man 
immer nur im Einzelfall ſagen. Oft iſt ruhiges Darüberweggehen das. Richtige, meiſt ge- 
nügt die Abwehr ſtatt der Strafe. Beides kann zur Iſolierung des Zöglings führen, die 
nicht in bloßer Einſperrung beſtehen darf, ſondern die Möglichkeit zur Beſinnung geben 
muß, deren Wirkung dur Ausſprachen vertieft werden kann (herrmann, Bondy). 
Oft genügt ſtatt deſſen die Verſetzung in einen abgelegenen Arbeitsbetrieb, wo der 
Zögling allein mit einem Erwachſenen arbeitet und Zeit zu ruhiger Beſinnung findet, 
während gleichzeitig unter den anderen Zöglingen eine Erregung raſcher abklingt, als 
wenn der Miſſetäter eingeſperrt wäre. Eine Zeit der Nichtbeachtung kann nüßen, wo 
ſchon ſold)e Mittel anſprecjen; es kann zu einer Entziehung von Vertrauensſtellen oder 
Sreiheiten kommen -- ähnlidy) der Verſetzung in eine niedere Progreſſionsſtufe; doh 
wird bei Abnormen eine generelle, leicht ſchematiſche Seſtlegung beſſer vermieden. 
Auf keinen Fall darf die bloße Arbeit als Strafe oder Strafverſchärfung dienen: das 
wäre das ſicherſte Mittel, jede Arbeitsfreude zu erſtiden. 
Körperliche Züchtigung darf bei abnormen Rindern auf keinen ZSall zu 
den regelmäßigen Erziehungsmitteln gehören. Uicht nur pädagogiſche, ſondern aud) 
ärztliche Gründe verbieten ſie bei beſtimmten Gruppen ganz. Späteſtens vom Beginn 
der Pubertät an ſollte jie völlig ausgeſchaltet werden. Wer die Verhältniſſe kennt oder 
aud) nur den für die Prügelſtrafe eintretenden Ausführungen (etwa von Redes- 
penning) folgt, kann ſid) ſagen, welche Wirkungen ſie auf den Beſtraften, auf alle 
Mitzöglinge und aud) auf die Erzieher und den Geiſt des Heimes hat. Wenn es aud) Aus- 
nahmefälle gibt, wo die Wirkungen auf den Beſtraften unbedenklich ſein mögen, gilt 
dod) gerade für Anſtalten für abnorme Kinder und Jugendliche die Seſtſtellung B on - 
dvs: „Gute Erziehungsheime haben nicht nur die Aufgabe, ihre eigenen Zöglinge 
gut zu erziehen; ſie ſollen auch für alle anderen Anſtalten vorbildli) wirken. . . . Das 
wird jedoch nur dann der Fall ſein können, wenn ſie die Prügelſtrafe, deren maßloſe 
Hinwendung alle einſichtigen Pädagogen ablehnen, aus der Reihe ihrer Erziehungs- 
mittel grundſäßlid) ſtreichen. Es ſcheint mir daher nötig, daß auc jene Heime, in denen 
ſchon jetzt die Prügelſtrafe nur in ſeltenen Ausnahmefällen zur Anwendung gelangt, 
im Intereſſe dieſer vorbildlichen Wirkung von dieſem Strafmittel völlig abſehen." -- 
Gegen die bisherige Darſtellung der Heilpädagogik bleibt ein wichtiger Einwand 
zu erheben: Kommt in dieſer bewußt völlig individuell geſtalteten Erziehung die 
Gemeinſchaft nict zu kurz? -- Man wird dieſe FSrage ſtellen dürfen, au) wenn 
man einen grundſäßlicen Gegenſatz zwiſchen Individual- und Sozialpädagogik nicht 
anerkennt. Beim abnormen Kind wird ſtets eine Reihe von Sondermaßnahmen nötig 
ſein, um ſeine „Sozialiſierung“ ſicher zu ſtellen. 
Gewiß muß aud) das abnorme Kind in einer Gemeinſdaft erzogen wer- 
den. Aber es kommt faſt ſtets in Sondererziehung, weil es in dem bisherigen Rreiſe -- 
der Familie, der Schule oder Arbeitsſtelle -- ſich nicht einfügen konnte. Im Heim iſt 
zwar alles auf dieſe Schwierigkeiten eingeſtellt, und man bemüht ſich, dem Kind Mut und 
Vertrauen zu ſich und ſeiner Umgebung einzuflößen, aber es braucht in der Regel einen 
engeren, einen wärmeren Kreis, die Erziehungsgruppe. Ihre Zuſammen-
	        

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