Full text: Allgemeine Didaktik und Erziehungslehre (3)

510 Hellpädagogil? 
ſezung iſt entſcheidend für die Möglichkeit ſozialer Erziehung, Sie darf nicht dem Zufall 
oder techniſchen Geſichtspunkten überlaſſen bleiben. Die grobe Einteilung wird nad) 
Geſchlecht und geiſtiger Reife erfolgen müſſen; denn die Erfahrungen haben immer wie- 
der gezeigt, daß bei abnormen Kindern wohl eine Koinſtrutktion, aber nie eine volle Ko- 
edukation möglich iſt. Im einzelnen muß die Gruppenbildung von den Geſichtspunkten 
der Erziehung abhängen: In eine Gruppe gehört ein möglichſt einheitlicher Typus, 
der eine ungefähr gleiche Erziehung braucht (Lazar); beſtehende Beziehungen zu ein- 
zelnen Erziehern können dabei berückſichtigt werden. Cine völlige Uniformierung inner- 
halb der Gruppen iſt bei der ſtarken Verſchiedenheit der einzelnen Abnormen nicht zu 
befürd<hten, Aud iſt es dort, wo, wie in kleineren Heimen, gleichartige Gruppen ſchlecht 
zuſammengeſtellt werden können, durdjaus möglid), ſtärkere Charakterunterſchiede 
in einer Gruppe zu erziehen. H eller weiſt mit Recht darauf hin, daß durchaus nicht 
für jeden Einzelnen eine völlig andere Pädagogik nötig iſt; die Erziehung Abnormer 
beſteht zum großen Teil in einem Ausgleid) von Einſeitigkeiten zugunſten einer ge- 
meinſamen Haltung, die vom Paſſiven Altivität, vom Maniſen Ruhe und Beherrſchung 
ſordert und ſo die verſchiedenen Charaktere einander näher rüdt. 
Eine ganz andere Srage iſt, ob die Gemeinſchaft abnormer Kinder ſelbſt erzieheriſche 
Kräfte entwideln kann. Sicher iſt ſcjon das Zuſammenleben an ſid) bedeutſam. Cs ſtellt 
ſachliche Sorderungen, es kann durc Sreude und feſtlid) erlebte Höhepunkte erzieheriſd) 
wirken, Aber es ſcheint bisher nirgends gelungen zu ſein =- was in der ZSürſorgeerzie- 
hung, ja im Jugendgefängnis nod) eine ſtarke Kraftquelle iſt =- das Gemein- 
ſ<aftsvewukßtſein zum Mitträger der Erziehung zu madchen. In den Hinſtalts- 
ſchilderungen von Aichhorn und andern wie in den ausgeſprochenen Heilerziehungs- 
heimen, die ich kenne: ſtets iſt es der Kontalt zwiſchen Erzieher und Einzeltind, der 
pädagogiſch fruchtbar iſt; die Gruppe kann wohl zu einem befriedigenden Zuſammen- 
leben gelangen, ein tragkräftiges Cthos aber ſcheint ſie bisher nirgends zu entwideln. 
Konflikte werden nur ſelten durc ſelbſtändiges Vorgehen der Gruppe weggeräumt, 
ſaſt immer muß der Erzieher raten und ſchlichten. Der Derſuch, durc „Schlüſſelſchüler“ 
mit der Gruppe oder gar mit dem ganzen Heim in Verbindung zu treten, hat oft die 
verhöinnisvollſten Solgen; ſo viel Überſicht, Gewiſſenhaftigkeit und Takt iſt unter den 
Zöglingen der Heilpädagogik kaum zu finden, 
Zur Gemeinſchaft hin muß erzogen werden aud) in der Heilpädagogik. Der Ab- 
ſchluß der „Sozialiſierung“ bedeutet ja in der Regel den Abſchluß der ganzen Heilerzie- 
hung. Die Erziehung zu einer ſicheren und ſelbſtändigen Stellung in den Gemeinſchaften 
des Lebens durchzieht die ganze Entwidlung, ſteht anfangs an Wichtigkeit vielleicht zurüd 
hinter dem Ausgleich innerer Konflikte, muß dann zuerſt in dem engen und angepaßten 
Umkreis des Heimes gelingen, bis ſchließlid) nod) im Heim die Vorbereitung auf die 
Rüdkehr in die ſoziale Welt beruflichen Lebens beginnt. Die Loslöſung 
von der Anſtalt erfolgt allmählid) durd) Übernahme ſelbſtändiger Aufgaben und Ge- 
währung größerer Sreiheit; die nächſte Stufe iſt die teilweiſe Lebensführung außerhalb 
des Heims (der Zögling arbeitet oder lernt draußen, wohnt aber nod) im Heim oder 
umgelehrt), bis ſchließlich die Selbſtändigkeit den Erziehungsweg abſchließt. Uötig iſt 
dazu eine Löſung des Berufs- und Unterbringungsproblems. Für manche Abnorme 
müſſen B er uf und Stellen erſt geſchaffen, für faſt alle geeignete erſt mühſelig geſucht 
werden. Allgemeine Ratſchläge dafür laſſen ſid) in Kürze kaum geben. Ein großer Teil 
der Entlaſſenen braucht auc nod weiter Rat in auftretenden Nöten und Uonflikten;
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.