Full text: Das Jugendgericht in Plauen i. Vgtl.

 
Das Jugendgericht. 15 
Ich halte dafür, daß wenn vorheriges, doch meist voraus- 
gegangenes, Zureden von Eltern und Lehrern, Verwarnungen und 
Schulstrafen keinen Erfolg gebabt haben, die Gerichtsverhandlung sich 
als etwas Besonderes und auch äußerlich Eindrucksvolles gestalten muß 
und deshalb gewisser Förmlichkeiten nicht entraten kann. Mit der 
Förmlichkeit geht auch der Respekt allzuleicht verloren, und es schadet 
gar nichts, wenn der jugendliche Missetäter inne wird, daß er hier 
mit der schärfsten Waffe in Berührung gekommen ist, die der Staat 
gegen seine Schädlinge zu gebrauchen hat. 
Die Ladung des Lehrers oder Lehrherrn und des freiwilligen 
Helfers oder Beamten des Vereins für Jugendfürsorge!), die ihr Gut- 
achten schon zu den Polizeiakten gegeben haben — meist ist auch 
der Vorsitzende jenes Vereins selbst in den Sitzungen zugegen, er erhält 
auch vorher jedesmal den Terminzettel zugesandt —, und endlich die 
Vorladung des gesetzlichen Vertreters und häufig auch des Verletzten 
pflege ich anzuordnen. Die der letzteren hauptsächlich, um alsbald 
nach Verkündigung des Urteils gegebenenfalls Rechtsmittelverzicht,- 
Antrag auf Bewilligung einer Bewährungsfrist und Einverständnis- 
erklärung damit seitens des Verletzten — die in solchen Fällen nie 
versagt worden ist — entgegenzunehmen. Den gesetzlichen Vertreter 
rege ich stets mit Erfolg an, als Beistand aufzutreten. Ein Verteidiger 
ist nach meiner Erinnerung im vorigen Jahre wohl nie, in diesem 
Jahre einmal aufgetreten. 
Was endlich das Urteil anlangt, so möchte ich hier nur er- 
wähnen, daß ich mit der Zuerkennung von Verweisen recht vor- 
sichtig umzugehen gelernt habe und darauf nur komme, wenn ich 
gewiß bin, daß er als Strafe auch wirklich verstanden wird. Sonst 
ziehe ich Freiheitsstrafen vor, möglichst?) — unter Befürwortung von 
Bewährungsfrist. Solange deren Bewilligung in der Gestalt einer 
bedingten Verurteilung®) nicht in die Hände des urteilenden Richters 
gegeben ist, dem nicht nur das Aktenmaterial, sondern auch der per- 
sönliche unmittelbare Eindruck des jugendlichen Missetäters die Grund- 
lage dafür gibt, haften ihr naturgemäß Unvollkommenheiten an, ins- 
1) Diese Auskunftspersonen werden als Zeugen vernommen und deshalb auch 
jedesmal vereidigt. Das führt zwar dazu, daß zuweilen eine jener Personen mehrmals 
an einem Sitzungstage vereidigt wird, läßt sich aber nach den jetzigen Bestimmungen 
der St. P.-O. nicht vermeiden. Sie als Verteidiger zu bestellen, trage ich Bedenken, 
weilihre Aussage dann nicht einen Teil der Beweisaufnahme bildet. Vergl. S. 35 unten. 
2) Das heißt bei noch Unbestraften oder wenigstens noch nicht mit Freiheits- 
strafen Vorbestraften. 
3) Oder vielmehr Vollstreckungs-Aussetzung. 
 
 

	        

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