Full text: Schulbuchforschung in Europa - Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektive

der die Bildungsdiskussion im gesamten 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert domi- 
nierte, zum Zweiten mit der Drosselung naturwissenschaftlicher Inhalte im Zusammen- 
hang mit den Stiehl'schen Regulativen (1854 — 1872), die sich von Preußen her auch in 
anderen deutschen Ländern - in Bayern allerdings nicht so einschneidend — ausgewirkt 
haben (vgl. Liedtke, M. 1993b, 46, 49f). Die „Jugendlust“ hatte bereits mit dem Grün- 
dungsbeschluss von 1875 ein Gliederungsschema erhalten, das unter dem Titel „Beleh- 
rendes“ neben Geschichte und Geographie ausdrücklich auch das Fach „Naturkunde“ 
enthielt. Dieses Fachgebiet „Naturkunde“ umfasste im Sprachgebrauch der „Jugendlust“ 
sowohl Biologie wie auch Physik und Chemie (a.a.O., 14). 
Die „Chemie“ fehlte zwar auch in der „Jugendlust“ nahezu völlig, aber physikalische 
Themen, insbesondere jedoch biologische Themen wurden mit ziemlicher Regelmäßig- 
keit von der Zeitschrift eingebracht. Die Behandlung dieser Themen ist nicht nur eine 
einfache Ergänzung des Schulbuchs, sondern ist zugleich eine Weichenstellung, die das 
Schulbuch des angesprochenen Zeitraums nicht vorgesehen hatte. Insofern lässt sich 
sagen, dass die „Jugendlust“ geholfen hat, die von der Lehrerschaft im Gefolge J. H. 
Pestalozzis seit Beginn des 19. Jahrhunderts geforderte Erweiterung des Unterrichtska- 
nons der Volksschule umzusetzen (vgl. Liedtke, M. 1993b, 69-75). 
Zu diesen „Anstößen‘“ gehört auch die durchgängig überkonfessionelle Ausrichtung 
der „Jugendlust“. Die überkonfessionelle Orientierung kann zwar nicht überraschen, 
weil eben auch der Herausgeber, nämlich der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenver- 
band, betont überkonfessionell angelegt war. Dennoch ist die Überkonfessionalität der 
„Jugendlust“ nicht selbstverständlich, weil eben die bayerische Volksschule, über die die 
„Jugendlust“ vornehmlich vertrieben wurde, bis 1968 — außer zwischen 1937 und 1945 - 
eine konfessionelle Schule war. Die durch viele Jahrzehnte größere Verbreitung der im 
AuerVerlag seit 1875 erschienenen Jugendzeitschrift „Schutzengel“ war sicher primär 
darin begründet, dass sie katholisch orientiert war und sich ihr deswegen im überwie- 
gend katholischen Bayern die große Mehrheit der Schulen auch leichter öffnete, zumal 
sie sich stets auch der Förderung durch die katholische Kirche sicher sein konnte. Aber 
die Überkonfessionalität zählte zu den pädagogischen Grundsätzen der „Jugendlust“. Mit 
diesem Grundsatz war die „Jugendlust“ ihrer Zeit um eben fast einhundert Jahre voraus. 
Die Toleranzforderung der „Jugendlust‘“ bezieht sich aber nicht nur auf die christli- 
chen Konfessionen, sie gilt — aus der Tradition des Bayerischen Lehrervereins selbstver- 
ständlich — auch gegenüber Andersgläubigen wie etwa gegenüber den Muslimen (vgl. 
Jugendlust 1887, 281-283; 289-291; 297-299; 305-308). 
Mit dieser überkonfessionellen Orientierung hing es wohl auch zusammen, dass die 
„Jugendlust“, obgleich sie später auch nationalsozialistisches Gedankengut transportiert 
hat, zu keinem Zeitpunkt eine antisemitische Position eingenommen hat. Geradezu groß- 
artig ist die von Luise Heiß 1882 erzählte Geschichte „Nur ein Jude“ (Jugendlust 1882, 
212-124; 129-182; 138-140; 146-148). Sicher gibt es auch hier wieder Überzeichnun- 
gen, wie sie sich aber wegen des jugendlichen Adressatenkreises in solchen Erzählungen 
kaum umgehen lassen. 
Angesichts des gerade um 1880 herum sich wieder verstärkenden Antisemitismus 
(Pulzer, P. G. J. 1966) verdient es große Anerkennung, wie Luise Heiß hier die Situation 
des „verachteten Juden‘ Samuel schildert, dessen intellektuelle und charakterliche Über- 
legenheit im Vergleich zu der ihn verachtenden konkreten Schülergruppe zeigt und für 
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