Full text: Schulbuchforschung in Europa - Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektive

Kernideen — Instrument des dialogischen Lernens 
Die Hauptaufgabe des Schulbuchs als Begleiter auf der Lernreise der Schüler zu fungie- 
ren basiert auf der Unterrichtskonzeption des dialogischen Lernens, dessen grundlegen- 
der Bestandteil Kernideen sind. Es stellt das Lernen von Schülern auf eigenen Wegen in 
den Mittelpunkt und leistet somit einen Beitrag zum individuellen Lernen. Urs Ruf und 
Peter Gallin haben es im eigenen Unterricht und in einem Schulprojekt der Pädagogi- 
schen Abteilung der Erziehungsdirektion Zürich im Rahmen des regulären Schulunter- 
richts erprobt (vgl.: Ruf/ Gallin 1998a, S. 10, 139, 219 £.). 
Der Kreislauf des dialogischen Lernens 
Das zentrale Anliegen des dialogischen Lernens liegt darin, die Lernenden zum Aufbau 
von fachlichen Kenntnissen und Fertigkeiten anzuleiten und dabei ihre eigenen individu- 
ellen Vorstellungen einzubeziehen. Als Konsequenz daraus sehen die Autoren eine neue 
Einschätzung und Wertschätzung der Schülerprodukte und eine Erweiterung des Leis- 
tungsbegriffs. Jedem Schüler wird ermöglicht, auf seinen eigenen Wegen zu lernen. 
Die Konzeption des dialogischen Lernens ist auf Offenheit angelegt. So ist eine Seg- 
mentierung des Stoffes durch Festlegen, wann welcher Inhalt behandelt wird, mit dem 
dialogischen Prinzip unvereinbar. Lernen wird als ein lebendiges Hin und Her zwischen 
Lehrenden und Lernenden aufgefasst. Dabei werden die Produktionen der Schüler zu 
einem konstituierenden Moment des Unterrichts. Erst wenn die Arbeiten der vorherigen 
Lektion ausgewertet sind, kann das Thema der nächsten Lektion entschieden werden. 
Deshalb ist es nicht voraussehbar, wohin das dialogische Lernen führt. Durch die Kem- 
ideen entwickelt es sich aber in keiner Weise beliebig. Aufgrund der herausragenden 
Bedeutung der Kernideen innerhalb dieser Konzeption sprechen die Autoren auch von 
einer „Didaktik der Kernideen“ (Ruf/ Gallin 1998a, S. 13). 
Das dialogische Lernen läuft in einem Kreislauf von vier Stationen ab: der „Kernidee 
als Herausforderung zum Produzieren“, dem „Auftrag mit Spielraum für das Ich“, dem 
„Reisetagebuch als Herausforderung zum Rezipieren“ und der „Rückmeldung des ange- 
sprochenen Du“. „Das Wir der ausgehandelten Normen“ bildet das „Kraftzentrum des 
Unterrichts“, (Ruf/ Gallin 1998b, Bd. 2, S. 12). Die Stationen dienen primär als Instru- 
mente und Orientierungshilfe und dürfen nicht als ein starres Programm verstanden 
werden. 
Das dialogische Lernen ist, wie der Name schon intendiert, durch ein dialogisches 
Prinzip gekennzeichnet, durch das sich der Unterricht grundlegend ändert. Dies zeigt 
sich vor allem in einer neuen Einschätzung der Arbeiten der Schüler und des Fachwis- 
sens. Die Begriffe Kernideen und Reisetagebuch stehen für diese neue Einschätzung. 
Der Kreislauf des dialogischen Unterrichts strukturiert das pädagogische Handeln oh- 
ne auf bestimmte Inhalte und Methoden zu verpflichten. Für alle vier Stationen des dia- 
logischen Lernens steht die Grundhaltung des Erzählens im Vordergrund. Die Stationen 
lassen sich auch als Aufforderung zum Erzählen interpretieren. Dialogischer Unterricht 
gewinnt aus dem Zusammenwirken von persönlichem Engagement und fachlicher Not- 
wendigkeit seine Verbindlichkeit. 
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