Full text: Schulbuchforschung in Europa - Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektive

gogik im Vordergrund. In Anlehnung an W. Dilthey sollte durch „kongeniales Nacherle- 
ben“ die geschichtliche Erscheinungsform des jeweiligen Schulbuches verstanden wer- 
den. Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts kamen verstärkt sozialwissenschaftli- 
che, sprachanalytische, empirische und ideologiekritische Verfahren der Datenerhebung 
und -auswertung hinzu, wie sie von der Pädagogik des Kritischen Rationalismus, der 
Kritischen Theorie und der Kommunikationstheorie verfochten wurden. Dadurch änderte 
sich die Zielperspektive historischen Forschens zugunsten real- und sozialgeschichtlicher 
Untersuchungen. Die Geschichte des Schulbuchs wird demnach als Erfahrungsfeld für 
das Schulbuch als Politikum, Informatorium und Paedagogicum betrachtet. 
Dabei geht der Forscher in der Regel wie folgt vor: 
Festlegung des Forschungsinteresses 
Am Beginn steht die Klärung des „selektiven Standpunktes“, unter dem das Quel- 
lenmaterial gesichtet werden soll, und zwar so, dass weder Fakten verdreht noch Tat- 
sachen, die der vorgefassten Meinung zuwiderlaufen, vernachlässigt werden dürfen. 
Mit der vorformulierten Hypothese ist bereits ein grobes Vorverständnis des zu erfor- 
schenden Zusammenhangs gegeben. 
Sichtung aller absichtlich und unabsichtlich überlieferten Quellen 
Da die Forschung nicht mehr nur ideen- oder problemgeschichtlich vorgehen darf, 
sondern die Real- und Sozialgeschichte einbeziehen muss, gehören zu den Quellen 
außer dem Schulbuch selbst auch Sachquellen (Gegenstände, Gebäude, Kunstwerke 
usw.), abstrakte Quellen wie z. B. Institutionen, Rechts-, Verfassungs- und Gesell- 
schaftszustände, Tatsachen der Sitte, der Sprache, der Arbeit, der Religion und der 
Kultur insgesamt, Sozialstatistiken, Daten zur Produktion, Verbreitung und Verwen- 
dung des Schulbuchs usw. sowie andere themenbezogene Quellen der jeweiligen Zeit 
wie Enzyklopädien, Fachbücher, Lexika, Fachzeitschriften, Lehrpläne, Stoffvertei- 
lungspläne, Schulhefte, Klassenbücher, Schulchroniken, Jahresberichte, Schülerzeit- 
schriften, Wandbilder, Urkunden, Reden, Ansprachen, Photographien, Gemälde, 
Lieder, Filme usw. Sie alle sollen das angemessene Verständnis des Schulbuchs aus 
seiner Zeit erschließen helfen. 
Auswertung des Datenmaterials als historische Tatsache mit Hilfe hermeneutischer 
und sozialwissenschaftlicher Methoden Historische Tatsachen sind nicht positivis- 
tisch erhebbar, nicht einfach als Objekte vorhanden und angebbar. Sie sind vielmehr 
das Ergebnis eines detaillierten Forschungs- und Interpretationsvorgangs. Dieser be- 
dient sich, wechselseitig die Ergebnisse absichernd, sowohl philosophisch-geistes- 
wissenschaftlicher als auch empirisch-analytischer Verfahren. Vom eigenen Vorver- 
ständnis ausgehend werden Zusammenhänge phänomenologisch auf ihre Wesens- 
elemente und deren Relationen hin untersucht und ganzheitlich als Bezogenheit von 
Ausdrucksform und innerem Gehalt verstanden. Das elementare Problem, die Grund- 
struktur, das Einzelne als Realisation des Allgemeinen soll dabei in den Blick kom- 
men. Geographische und temporale Bedingungen, biographische Besonderheiten und 
politisch-gesellschaftliche Abhängigkeiten bilden die Folie für eine angemessene In- 
terpretation. Das Schulbuch in den Zusammenhang der Rahmenbedingungen seines 
Entstehens (einschließlich des Autors bzw. der Autoren), der Situation der Fachwis- 
senschaften sowie der Bedingungen des schulischen Unterrichtens und Lernens zu 
stellen, erlaubt erst, dessen Originalität und Stellenwert einzuschätzen und es in der 
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