Full text: Schulbuchforschung in Europa - Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektive

„Schulbuch“ kaum zulässt, zumindest aber eine eindeutige und zugleich umfassende 
Begriffsbestimmung (vgl. Becker 1973; Bamberger u. a. 1998, S. 7 ff.) erschwert. 
Schulpädagogisch wie mediendidaktisch betrachtet ist vielmehr hervorzuheben, dass es 
eine Reihe nach Grundkonzeption und speziellen Funktionen recht unterschiedlicher 
Schulbücher gibt: Fibeln für den Erstlese-, Rechen- und Verkehrsunterricht; Lehr- und 
Arbeitsbücher für fachbezogenen wie fächerübergreifenden Unterricht; Atlanten zur 
Geografie, Geschichte und Sexualerziehung; Schulbücher in Programmform sowie als in 
Medienpakete integrierte Elemente, Formel- und Daten-, Material- und Quellensamm- 
lungen; Ganzschriften, Sachbücher und Nachschlagewerke. 
Bei einer systematisch-vergleichenden Betrachtung der zuvor aufgelisteten Interes- 
senbekundungen bzw. Erwartungshaltungen gegenüber Schulbüchern wird unschwer die 
Mehrdimensionalität dieses im Kern didaktischen Mediums als Politicum/ Informatori- 
um/ Paedagogicum erkennbar (vgl. Stein 1977, S. 231 ff.). Nach wie vor gilt: Schule ist 
ein Politicum ersten Ranges; das Schulbuch ist es nicht minder. Doch ist dieser Tatbe- 
stand letztlich keinesfalls, wie gesellschafts-, bildungs- und parteipolitische Schulbuch- 
kontroversen vermuten lassen könnten, bedingt durch die informatorische Dimension 
und/ oder die didaktische Funktion des Massenmediums Schulbuch. Die politische Di- 
mension dieses schulischen Hilfsmittels lässt sich im Grunde nur erklären unter Hinweis 
auf den politischen Charakter einer als öffentliche („Bildungs“-)Anstalt konzipierten 
Schule bzw. einer entsprechend institutionalisierten Unterrichts- und Erziehungspraxis, 
deren konstitutive Merkmale sich zwangsläufig auch auf die Konzeption und den Einsatz 
didaktischer Medien auswirken (vgl. Hambrink 1979; Rumpf 1986). 
Die politische Dimension des Unterrichtsmediums Schulbuch ernst zu nehmen, vom 
Politicum Schulbuch nicht nur zu reden, heißt somit, sich mit dem Politicum Schule 
sowie mit dem Politicum Lehrplan bzw. Curriculum zu befassen. Denn auch Schulbuch- 
fragen i. e. S. (d. h. didaktische Reflexionen über das Schulbuch als Lehr- und Lernmit- 
tel, als Medium schulischer Unterrichts- und Erziehungsprozesse) stehen in einem un- 
auflösbaren Zusammenhang sowohl mit curricularen Problemen (Richtlinien- und Lehr- 
planrevision) als auch mit den Kernproblemen innerer und äußerer Schulreform (Ent- 
schulung von Unterricht und Erziehung; Partizipation von Lehrern, Schülern und Eltern; 
begrenzte Selbstständigkeit der Schule). Das Wort vom Politicum Schulbuch in eben 
diesem weiten pädagogisch-politischen Problemhorizont (vgl. Stein 1974) bezeichnet 
eine nicht bloß „mittel“-bare Abhängigkeit, vielmehr soll auf einen funktionalen Sachzu- 
sammenhang (Rumpf 1980) hingewiesen werden. Entscheidend ist ein poli- 
tisch-pädagogischer Sachverhalt von Fächer wie Lernbereiche übergreifender Bedeutung 
(vgl. Pöggeler 1985), die Tatsache nämlich, dass Schulbücher didaktische Hilfsmittel für 
schulische Informations- und Kommunikationsprozesse sind, die seit jeher unter eindeu- 
tig staatlicher Kontrolle stehen (s. Müller 1977; Kissling 1991 und 1995) sowie ange- 
sichts konkurrierender gesellschaftlicher Forderungen entwickelt, produziert und einge- 
setzt werden (vgl. Schallenberger 1978; Stein 1979 c) — womit noch nichts über in päda- 
gogischer Hinsicht vorteilhafte oder ungünstige Auswirkungen gesagt ist! Die politische 
Dimension des Schulbuchs liegt begründet sowohl in seinem Warencharakter als auch in 
seinem instrumentellen Charakter; sie zeigt sich vor allem dort, wo Schulbuchrevision 
eine parteipolitisch-weltanschauliche Normierung der Inhaltsdimension von Uhnter- 
25 

	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.