Full text: Schulbuchforschung in Europa - Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektive

Selbst bei der Neubearbeitung bereits im Umlauf befindlicher Bücher vergeht eine 
geraume Zeit, und dann muss mit Hilfe der Schulbuchforschung geklärt sein, was an 
einem Buch zu erneuern ist. Es geht ja dabei nicht nur um das Aussortieren von obsolet 
gewordenen Texten oder Illustrationen sowie antiquierten, sondern auch um eventuell 
veränderte Grundeinstellungen zum Medium „Schulbuch“. Beispiel hierfür war die 
schnelle Schaffung von Schulbüchern im Geist der nach 1968 aufgekommenen „Kriti- 
schen Theorie“ sowie der antiautoritären Pädagogik. Eine ganz neue Sicht des Verhält- 
nisses der Schülerinnen und Schüler zu Eltern und Lehrpersonal, eine veränderte Einstel- 
lung zu Autorität, Gehorsam und Emanzipation: das alles setzte in den „kritischen“ 
Schulbüchern neue Akzente. Diese lösten bei vielen Eltern, einem Teil der Lehrerschaft 
und auch in der öffentlichen Meinung eine Schulbuch-Kritik und ein Verlangen nach 
Revision der neuen Bücher aus, die in früheren Veröffentlichungen der Schulbuchfor- 
schung noch nicht thematisiert worden waren. Schulbuch-Revision wurde zu rabulisti- 
scher Schulbuch-Schelte”, die sich mit den von Duisburg aus empfohlenen Kriterien der 
Schulbuch-Revision nicht vereinbaren ließ, aber in der Praxis der Bildungspolitik viele 
Befürworter fand, so dass es in einzelnen Bundesländern dazu kam, die sogenannten 
„kritischen“ Schulbücher nicht länger im Unterricht zu benutzen.” 
Die Duisburger Initiativen gerieten dadurch ins Abseits der schulpolitischen Praxis. 
Was Gerd Stein „Schelte“ statt Revision nannte, löste ein neues Streiten um die Kriterien 
des sachlichen Revidierens aus. Das Erziehungsrecht der Eltern — immerhin das einzige 
Grundrecht der Erziehung — radikalisierte insofern die Schulbuchnutzung, als jetzt mehr 
als zuvor die Mitbestimmung der Eltern bei der Auswahl von Schulbüchern praktiziert 
wurde und damit auch das Entscheiden für oder gegen einzelne Schulbücher. Das Bun- 
desverfassungsgericht griff normierend in diesen Streit ein, ein für die Schulbuchfor- 
schung wohl erstmaliges Ereignis, aus dem zu folgern war, dass an der Schulbuchfor- 
schung auch Grundrechtsexperten zu beteiligen sind. 
Das Duisburger Institut hat sich — bei allem Engagement für aktuelle Streitsituationen 
— auch mit der Klärung von Grundsatzproblemen beschäftigt, so etwa mit der Mitwir- 
kung des Staates bei der Prüfung und Zulassung von Schulbüchern.”® Die Sicherung 
eines Maximums an pädagogischer Gestaltungsfreiheit stand dabei im Vordergrund, 
zugleich die Präzisierung der staatlichen Kompetenz zur Kontrolle der Inhalte und der 
schulischen Eignung der Bücher. 
Durch die Geschehnisse nach 1968 veränderte sich das Verhältnis vieler Schulbuch- 
Verlage, Autoren und auch Kultusministerien zur Schulbuchforschung. Das Duisburger 
Institut legte auf Pflege seines Kontakts zu einzelnen Schulbuch-Verlegern wie auch 
zum „Verband deutscher Schulbuchverlage“ großen Wert, und ein Doyen der Verleger 
war Mitglied des Kuratoriums des Instituts; allerdings waren Schulbuchverlage nicht 
immer mit den Revisionen einverstanden, die von der Schulbuchforschung im allgemei- 
nen wie von dem Duisburger Institut im besonderen vorgetragen wurden. Es ist klar: Zur 
Kritik gehören auch Aussagen, die auf Fehler oder Mängel von Schulbüchern hinweisen 
 
24 Siehe hierzu G. Stein: Schulbuch-Schelte als Politicum und wissenschaftlicher Schulstreit, Stuttgart 1979. 
a Ausgesondert wurden z. B. Lesebücher der Reihe „Drucksachen“, Düsseldorf: Pro Schule Verlag 1974. 
2° Siehe hierzu E. H. Schallenberger/ G. Stein (Hrsg.): Das Schulbuch zwischen staatlichem Zugriff und 
gesellschaftlichen Forderungen, Kastellaun 1978 (Zur Sache Schulbuch, Bd. 7). 
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