Full text: Schulbuchforschung in Europa - Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektive

 
 
senräte‘ zu. Der dafür nötige administrative Akt baut demnach auf die koordinierten 
Interessen und die Zusammenarbeit der genannten Kollegialorgane auf. Der Entschei- 
dung für die Einführung eines Schulbuches gehen folgende Einzelschritte voraus: 
=. Lehrer, Eltern oder Schüler (nur in der Oberschule) fordern vom Verlag Rezensions- 
exemplare an. 
= Der Klassenrat erstellt eine schriftliche Beurteilung des Buches. 
= Folgende Kriterien werden hinsichtlich der Vereinbarkeit des Buches überprüft: 
Schulexperimente, spezielle didaktische Differenzierung, Vorschriften zur Schul- 
bucheinführung. Die Überprüfung muss verschriftlicht werden. 
= Die Protokolle werden dem Direktor abgegeben. 
= Das Lehrerkollegium trifft unter Berücksichtigung der gesetzlich vorgeschriebenen 
Richtlinien (z.B. Schulbuchautoren dürfen nicht besonderen Kategorien der öffentli- 
chen Verwaltung angehören) eine Entscheidung. 
= Im Anschluss veröffentlicht der Direktor die Liste der Schulbücher, versehen mit 
bibliographischen Daten, an der Anschlagetafel der Schuldirektion. 
Diese Entscheidung ist ein definitiver Rechtsakt, der nur über den Rechtsweg oder einen 
außergewöhnlichen Rekurs beim Staatspräsidenten angefochten werden kann. 
Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts stellte es der Gesetzgeber den Lehrper- 
sonen frei, Schulbücher im Unterricht zu verwenden. Anstelle dieser konnten auch 
Skripten oder Blätter, die eine didaktische Einheit umfassten, eingeführt werden. Die 
formalen Kriterien waren mit dem Aufscheinen eines Autors und dem Heften (ihre 
Haltbarkeit musste für mindestens ein Jahr gewährleistet sein) erfüllt. 1978 hob der Un- 
terrichtsminister, Malfatti, diese Regelung trotz großem Protest der Lehrerschaft wieder 
auf. Die Italiener formulierten die Parole ihres Missmutes mit folgendem Wortspiel: 
„Contro i libri Malfatti!“ (Malfatti: wörtlich übersetzt — schlecht gemacht; „Gegen die 
schlecht gemachten Bücher!“) 
Die italienischen Schulbücher unterscheiden sich von der Art und Weise der inhaltli- 
chen Präsentation wesentlich von jenen deutschsprachiger Länder. In der Regel sparen 
italienische Schulbuchautoren eine methodisch-didaktische Aufbereitung des Inhaltes 
aus und präsentieren im Stil von Nachschlagewerken die im Lehrplan vorgesehenen 
Inhalte. Dies kann als konsequente Weiterführung des Prinzips der Lehrfreiheit gewertet 
werden. Ebenso lässt sich aus der Forderung des Lehrplans nach individueller Differen- 
zierung auf eine derartige Beschaffenheit der Schulbücher schließen. Der heterogenen 
Schülerschaft (es gibt keine Sonderschulen und keine Selektion im Pflichtschulalter) mit 
ihren ‚individuellen Bedürfnissen kann nur ein maßgeschneidertes methodisch- 
didaktisches Konzept gerecht werden. Dazu schuf der italienische Staat, wie bereits 
erwähnt, entsprechende Rahmenbedingungen, wie eine geringe Schülerzahl pro Klasse, 
en (Teamunterricht) und die der Klasse zugestellte Integrationslehr- 
aft. Das Schulbuch bleibt somit ein kindgerechter Informationsträger. 
Mitte der 1990er Jahre bemühten sich wirtschaftsnahe Kräfte, Einfluss auf das Schul- 
wesen zu gewinnen und stellten Forderungen nach einheitlichen Lernzielen. Ebenso 
 
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Klassenrat: Gremium, das sich aus den 
Lehrpersonen und EI 
schule können auch die Schüler Vertreter ee 
in diesen Rat entsenden. 
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