Full text: Elementarisierung im Schulbuch

Über das Konstrukt des elementaren Lernens werden Schülerinnen und Schüler einbezo- 
gen in ein Netz von kollektiven Vorstellungen und Regeln. Die pädagogische Inszenie- 
rung kann mehr oder minder imperativisch angelegt sein: Es gibt Narrative, die ver- 
schiedene Versionen zulassen; es gibt aber auch Narrative, die einen exklusiven Gel- 
tungsanspruch erheben. 
Auch die Elementarisierungen in Schulbüchern basieren auf sinnstiftenden Erzählun- 
gen, in denen ein pädagogisches Feld konstituiert und reproduziert wird. Das Spektrum 
der Quellen dieser Erzählungen reicht von religiösen und philosophischen bis hin zu 
fachwissenschaftlichen Hintergrundüberzeugungen. Zu den Quellen der Elementarisie- 
rung gehören aber auch alltägliche Hintergrundüberzeugungen, für deren Gültigkeit der 
„gesunde Menschenverstand“ in Anspruch genommen wird. Bruner verwendet als Sam- 
melbezeichnung für diese lebensweltlichen Vorannahmen den Begriff der Folk Psycho- 
logy (vgl. Bruner 1990, S. 14, 35). 
Bei der Elementarisierung ist zwischen einer konzeptuellen und einer operationalen 
Dimension zu unterscheiden. Die konzeptuelle Dimension betrifft den semantischen 
Gehalt der Schulbücher, die operationale Dimension die Unterrichtspraktiken, die durch 
den Text vorstrukturiert werden. Wiewohl es zu einfach wäre, Denken und Handeln 
kurzerhand zu dichotomisieren, sind doch Objekt und Form des Lernens nicht eng anein- 
ander gekoppelt. Der eine Grenzfall der konzeptuellen Elementarisierung ist die Defini- 
tion, bei der ein Gegenstand explizit über eine Begriffsbestimmung eingeführt wird; der 
andere Grenzfall ist die Metapher, bei der das Vorverständnis der Lernenden implizit 
durch uneigentlichen Sprachgebrauch stimuliert wird. Dazwischen ergibt sich ein breites 
Spektrum von Möglichkeiten, das von der Exemplifizierung über den kontrastiv ange- 
legten Vergleich bis zur Analogie und zur Allegorie reicht. Als Grenzfälle der operatio- 
nalen Elementarisierung ist idealtypisch zwischen der Instruktion, bei der das Wissen als 
Weisung präsentiert wird, und dem Dialog zu unterscheiden, bei dem die Lernenden 
über das Vorgehen mitbestimmen können. Dialogisch angelegte Elementarisierungen in 
Schulbüchern nehmen Bezug auf das soziale Setting des Unterrichts und bereiten den 
Stoff als Angebot für individuelle oder gruppenspezifische Aktivitäten auf. Unterrichts- 
praktisch lassen sich Instruktion und Dialog durchaus miteinander verbinden; die ent- 
scheidende Frage lautet, wer das letzte Wort hat. 
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