Full text: Elementarisierung im Schulbuch

den elitären privaten Bildungseinrichtungen und von reformpädagogischen Initiativen 
genutzt wurde. 
Der Strategie bildungspolitischer Zurückhaltung entsprach es, dass die Schulbücher 
keiner staatlichen Zertifizierung unterlagen. Mitunter wurden auf kommunaler Ebene 
Lehrmittel vorgeschrieben, in der Regel blieb deren Auswahl aber den Schulleitungen 
oder den Lehrkräften überlassen. Diese Offenheit führte dazu, dass sich zwischen Schul- 
büchern und Sachbüchern ein fließender Übergang ergab. Dasselbe galt bei gymnasialen 
Lehrmitteln und Studienbüchern für die Anfangssemester an den Universitäten. Das 
Fehlen von offiziellen Reglementierungen erhöhte auch den schriftstellerischen Reiz des 
Schulbuchs als breitenwirksames Medium. Hier traten zwar vorrangig Lehrerinnen und 
Lehrer in Erscheinung, es tummelten sich aber auch Professoren, Journalisten und Ama- 
teure auf diesem Feld. Die ungewöhnlichste Erscheinung in diesem Gebiet ist wahr- 
scheinlich David Herbert Lawrence (1885-1930), der in den Zwanziger Jahren ein recht 
eigenwilliges Lehrmittel zur europäischen Geschichte vorgelegt hat. Es entbehrt nicht 
einer gewissen Ironie, dass der Verfasser skandalträchtiger Romane sich bei diesem eher 
biederen Werk zunächst hinter einen Pseudonym verborgen hat (Davison 1921). Law- 
rence kommt bei seiner Betrachtung der Zeitgeschichte zu dem Fazit, dass der Übergang 
zu einer kollektivistischen Ordnung, bei der die Interessen der Massen durch einen cha- 
rismatischen Führer verkörpert werden, unausweichlich sei. Dieser Führer müsse durch 
die Masse erkoren werden, er sei dann aber keinem Menschen mehr verantwortlich: ‚It 
all depends on the will of the people. But the will ofthe people must concentrate in one 
figure, who is also supreme over the will ofthe people. He must be chosen, but at the 
same time responsible to God alone. Here is a problem of which a stormy future will 
have to evolve the solution“ (Lawrence 1925, S. 344). Dieses Denken ist unverkennbar 
dem Autoritarismus verhaftet — und in der englischen Pädagogik glücklicherweise fol- 
genlos geblieben. 
Der pädagogische Diskurs 
Als enfant terrible stellt Lawrence sich bewusst quer zum pädagogischen Diskurs der 
Zwischenkriegszeit, der durch Kontroversen über Traditionsbewahrung und Reformbe- 
darf geprägt ist (vgl. Quesel 2005, S. 129ff.). Bei der konservativen Idealisierung der 
englischen Tradition steht die Sorge im Zentrum, dass die Moderne einen Verlust an 
Stabilität und Ordnung mit sich bringt, der letztlich zum Zerfall des Gemeinwesens füh- 
ren werde, wenn es nicht gelinge, durch eine Rückbesinnung auf das nationale Erbe für 
Halt und Orientierung zu sorgen. Dieser Begriff des nationalen Erbes ist mit einer mas- 
kulinen Opferbereitschaft konnotiert, die durch das Leitbild des patriotischen Kriegshel- 
den bestimmt ist: „... it can do no harm, but only good, for every boy to feel that he 
comes of a stock whose men were brave and unflinching in the presence of death” 
(Norwood 1929, S. 293). In der englischen Tradition erwachse die patriotische Einsatz- 
bereitschaft zum Wohl des Ganzen aus dem religiös fundierten Sinn für Zurückhaltung 
und Selbstdisziplin, der im aristokratischen Ethos mustergültig zum Ausdruck komme. 
Die Bejahung des Rechts auf Individualität verbindet sich mit einer emphatischen War- 
nung vor den Gefahren des zügellosen Individualismus, der unweigerlich in Dekadenz 
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