Full text: Elementarisierung im Schulbuch

Politische Bildung - ein eigenes Schulfach? 
An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war es in England kaum umstritten, dass 
das Land keiner systematischen politischen Bildung im Rahmen eines eigenständigen 
Schulfachs bedürfe. Im Unterschied etwa zu den USA, Frankreich oder Deutschland sei 
auf den britischen Inseln die Kontinuität der Verfassungstradition so stark ausgeprägt, 
dass das politische Lernen sich wie selbstverständlich aus dem historischen Lernen erge- 
be. In einem Land, dessen Verfassung nicht kodifiziert sei, mache es wenig Sinn, die 
Institutionen formal und abstrakt zu behandeln; vielmehr sei es geboten, die Entwicklung 
von Monarchie und Parlament ins Zentrum zu rücken, um mit dem Bewusstsein nationa- 
ler Zugehörigkeit die Loyalität und die Einsatzbereitschaft zu stärken (vgl. Quesel 2005, 
S.295ff.). 
Zwar sind bereits für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts mehrere Schulbücher 
nachzuweisen, die explizit als Lehrmittel für die politische Bildung gedacht sind, in der 
Regel handelt es sich aber um Ergänzungen für den Geschichtsunterricht, und dies vor 
allem in weiterführenden Schulen. Der Versuch, am Übergang von der obligatorischen 
Schulbildung zur fakultativen Weiterbildung im Rahmen des Evening Continuation 
School Code von 1893 ein solches Fach zu implementieren, erweist sich als wenig er- 
folgreich, so dass die Thematik alsbald wieder von der Tagesordnung verschwindet. Als 
1918 der Erste Weltkrieg endete, stellt sich die Frage nach der politischen Bildung indes 
mit neuer Dringlichkeit. Das wichtigste Argument für den systematischen Ausbau der 
politischen Bildung lautet nun dahin, dass die Komplexität der Moderne, die in aller 
Deutlichkeit in den Kriegsfolgen zu Tage trete, so groß sei, dass eine Überforderung der 
politischen Subjekte drohe. Die Systematisierung der politischen Bildung sei deshalb die 
logische Konsequenz der Demokratisierung. Dem wird entgegengehalten, dass der Aus- 
gang des Great War nicht nur die britische Verfassungstradition, sondern auch den pä- 
dagogischen Primat der historischen Überlieferung bestätigt habe. 
Als sich in den 1920er Jahren die Verhältnisse wieder normalisieren, flacht die Dis- 
kussion über den Bedarf an politischer Bildung abermals ab, um dann in den 1930er 
Jahren angesichts der wachsenden Bedrohung durch totalitäre Regime einen neuen Auf- 
schwung zu erleben. Eine wichtige Rolle spielt dabei die 1934 gegründete Association 
for Education in Citizenship, die sich als Diskussionsforum und als Lobby für die politi- 
sche Bildung versteht (vgl. Simon/ Hubback 1935). Mit Blick auf die totalitäre Propa- 
ganda steht bei diesem Lobbyismus das Bemühen im Vordergrund, politische Entschei- 
dungsträger davon zu überzeugen, dass antidemokratischen Manipulationsversuchen 
offensiv mit einem systematischen zivilen Unterricht entgegenzutreten sei, der in der 
Elementarschule beginnen, auf höheren Schulen ausgebaut und dann im Rahmen freiwil- 
liger Angebote in der Erwachsenenbildung fortgesetzt werden müsse. Indes gelingt es 
auch dieser Initiative nicht, die Regierung zu einem Committment für die Institutionali- 
sierung der politischen Bildung zu veranlassen. Es bleibt bei der Dominanz des histori- 
schen Paradigmas, die politische Bildung wird allerdings als Experimentierfeld gepflegt, 
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