Full text: Elementarisierung im Schulbuch

4.2 Zweite Gruppe: Gattungswissen 
als übergeordnetes erzähltheoretisches Wissen 
Zu dieser Gruppe zählen aus der Reihe der untersuchten Lehrbücher die Bände des 
Deutschbuches sowie Deutsch plus 10. Deutsch plus 10 sieht im Kapitel „Freiarbeit - die 
10. Klasse erfolgreich abschließen“ zwar eine Station „Kurzgeschichten interpretieren“ 
vor (Deutsch plus 10, S.277-281). Das im Band für die 9. Jahrgangsstufe erarbeitete 
Wissen zur Kurzgeschichte wird in diesem Kapitel aber nicht mehr erwähnt. Während 
das Genrewissen zur Kurzgeschichte in Deutsch plus 9 bereits nicht funktional auf die 
Texte bezogen wurde, wird es im Band für den 10. Jahrgang offensichtlich auch nicht 
mehr für funktional gehalten. Stattdessen werden die Lernenden auf Kategorien verwie- 
sen, die für die Analyse von Erzähltexten generell relevant sind (Figuren, Ort, Hand- 
lungsverlauf, Erzählperspektive, sprachlich-stilistische Mittel; vgl. Deutsch plus 10, 
S.279). Ähnlich verfahren die Bände des Deutschbuches. Hier finden sich ausführlich 
angelegte, thematisch orientierte Einheiten mit Kurzgeschichten. Die Untersuchungska- 
tegorien, die ins Bewusstsein der Lernenden gerückt werden, sind aber Kategorien, die 
für alle epischen Texte relevant sind.” Spezifische Merkmale des Genres Kurzgeschichte 
werden in den Lehrbucheinheiten des Deutschbuchs nicht explizit gemacht. Sie werden 
lediglich im Glossar am Ende des jeweiligen Bandes aufgeführt. 
Inwieweit diese Konzeption von Gattungswissen angemessen ist, steht zur Diskus- 
sion. In gewisser Weise umgehen Lehrbücher mit einer solchen übergreifenden Konzep- 
tion von Gattungswissen ja schlicht die Probleme, die mit einer intelligenten didakti- 
schen Reduktion literarischen Genrewissens verbunden sind. Zunächst einmal ist festzu- 
halten, dass Kurzgeschichten-Merkmale wie Alltäglichkeit, Offenheit, Symbolhaftigkeit 
und eine Besonderheit der Handlung, die das Erzählte erst erzählenswert macht, Charak- 
teristika auch anderer moderner Erzähltexte sind (vgl. auch Marquardt 1998, S. 591). 
Außerdem gibt es empirische Hinweise darauf, dass Experten Gattungswissen auf der 
Ebene des Genrewissens offensichtlich nicht in jedem Fall für in erster Linie verstehens- 
relevant halten. Sie nutzen vielmehr übergeordnete abstrakte Wissenseinheiten, die für 
epische Texte insgesamt gelten (Winkler 2007, hier v. a. S. 75-79). Allerdings, und das 
ist zu betonen, sind diese übergeordneten abstrakten Wissenseinheiten untermauert von 
gründlichem Wissen auf konkreteren Ebenen. 
Für den Umgang mit Gattungswissen im Literaturunterricht kann es sicher nicht ge- 
nügen, alle epischen Texte als große Gesamtheit mit denselben Kriterien zu untersuchen, 
ohne durch Kontrastieren bzw. das Bilden von Analogien weitere Differenzierungen zu 
treffen, die ihrerseits eine Orientierungsfunktion für die Lernenden haben. Umgekehrt 
heißt das aber auch, dass Gattungswissen auf der Ebene literarischen Genrewissens in 
 
Deutschbuch 9, S. 177-191: „Dann eben mit Gewalt. Kurze Erzählungen von Tätern, Opfern und Zeu- 
gen“; Zusammenfassung der relevanten Untersuchungsaspekte auf S. 191; Deutschbuch 10, S. 101-108: 
„Kurzgeschichten der Gegenwart: Störungen und Konflikte“ (innerhalb des Rahmenkapitels „Gestörte 
Kommunikation. Sprache und Wahrnehmung“); ebd., S. 157-167: „Schuld als Thema moderner Kurzge- 
schichten“ (innerhalb des Rahmenkapitels „Verdächtige und Schuldige. Kriminalerzählungen“); Zusam- 
menfassung der relevanten Untersuchungsaspekte auf S. 166f. 
285 

	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.