Full text: Elementarisierung im Schulbuch

halt (z.B. einem Text oder einem Experiment) gegeben haben, oder ein Akt der Dekons- 
truktion, wenn er sich durch ein Lernangebot veranlasst sieht bzw. fühlt, sein bisherigen 
Wissen, seine bisherigen Einstellungen und Gefühle oder sein bisheriges Können zu 
revidieren, Überkommenes kritisch und selbstkritisch zu hinterfragen und sich zur per- 
sönlichen Weiterentwicklung bereit findet. Trotz und bei all dieser Selbstthematisierung 
hängt die individuelle Konstruktion des Selbst-, Fremd- und Weltbildes von Schülerin- 
nen und Schülern wesentlichen von den Angeboten ab, die ihnen Schule und Lehrer in 
Lernumgebungen und Lernumwelten präsentieren. 
Dieses neue Verständnis von Lernen und Lehren hat für die Planung und Gestaltung von 
Unterricht weitreichende Konsequenzen. Unterricht kann nicht mehr für alle Schü- 
ler/ Schülerinnen gleich gestaltet werden, auch nicht mehr für relativ homogene Gruppe 
von Schülern einer Klasse. Er muss vielmehr so organisiert werden, dass dem einzelnen 
Schüler Möglichkeiten und Gelegenheiten gegeben werden, für ihn adäquate Modelle 
von Wirklichkeit auszubilden. Lehren besteht in diesem Didaktikmodell wesentlich aus 
Anregungen an den Schüler, seine bisherigen Konstruktionen von der Wirklichkeit 
(sprich: seine bisherigen Lernstände) zu aktivieren, zu überprüfen und weiterzuentwi- 
ckeln. Dazu braucht es einen multiplen, modellierungsfähigen und flexiblen Unterricht 
mit vieldimensionaler Lernleistungskontrolle. Da Lernen nicht als (automatisches) Er- 
gebnis von Lehren betrachtet werden kann, braucht es einen Unterricht, dessen Ziele und 
Inhalte als viable (nützliche, verwendbare und sich für den Schüler als zutreffend erwei- 
sende) Anreizsysteme beschreiben lassen. Der Lehrer muss in diesem Prozess des didak- 
tischen Aushandelns und sich Verständigens seine eigenen Zugangsstrategien zum Un- 
terrichtsstoff offen legen, damit der Schüler von sich aus seine Zugangsweisen einbrin- 
gen kann. Wissen gilt nicht per se als etwas objektiv Gegebenes, sondern als eine menta- 
le Konstruktion, die in der Lerngemeinschaft mit anderen kommuniziert und verifiziert 
wird. 
Die Auswirkungen auf das Elementarisierungsproblem sind offensichtlich. Eine Ele- 
mentarisierung, die sich auf die Strukturierbarkeit der Wirklichkeit beruft, scheidet hier 
als Legitimation ebenso aus wie eine solche, die Rückhalt bei der Struktur der Fachwis- 
senschaft sucht oder die Lösung von einem gestuften, fachwissenschaftlich-fachdidak- 
tisch-schülerorientierten Vereinfachungsprozess auf Lehrerseite erwartet. Jeder Schüler 
und jede Schülerin definiert vielmehr für sich allein, was elementar oder exemplarisch 
ist, überprüft das im kommunikativen Austausch mit anderen Schülerinnen und Schülern 
und mit dem Lehrer, der seine Optionen vertritt, um dann die für ihn/ sie brauchbarste 
Variante zu übernehmen - und zwar so lange, wie sich diese als erfolgreich vertretbar 
erweist. 
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