Full text: Elementarisierung im Schulbuch

Wissens in ihm“ (ebd., S. 75). „Genetisches Lernen“ bedeutet, den Schüler in eine Lage 
zu bringen, in der das „noch unverstandene Problem so vor ihm steht, wie es vor der 
Menschheit stand, als es noch nicht gelöst war‘ (ebd., S. 14), bedeutet also, ihn am Ent- 
deckensprozess teilhaben zu lassen, sein Erkenntnisinteresse zu wecken und die eigen- 
ständige Entwicklung von Lösungsmöglichkeiten zu provozieren. Wagenscheins sokrati- 
sches Element verweist auf das Lernen im Gespräch, auf den wichtigen Aspekt des Ge- 
dankenaustauschs, des Verbalisierens von Gedachtem; es meint die Bildung, Festigung 
oder Weiterentwicklung eines Gedankens durch seine Äußerung. (Wagenschein verweist 
damit auf eine sprachwissenschaftliche Grundannahme, nämlich die Auffassung von 
Sprache als „bildendem Organ des Gedanken‘“.) 
Mit „exemplarischem Lehren“ meint Wagenschein wie Klafki den Vorgang, Inhalte 
an wenigen konkreten Einzelfällen sichtbar zu machen (Wagenschein 1971, S. 43) und 
„im Einzelnen das Ganze“ (Wagenschein 1991, S. 32) zu suchen. Das Exemplarische als 
Einzelnes verhält sich dabei zum Ganzen wie ein Schwerpunkt, „in dem [...] das Ganze 
getragen wird“ (ebd., S.32). Ausgehend von solch einem ausgewählten Schwerpunkt 
erschließt sich ein ganzes Wissensgebiet und es wird möglich, zum Elementaren vorzu- 
dringen, grundlegende Prinzipien und Gesetze zu verstehen. Neben dem exemplarischen 
Prinzip ist nach Wagenschein die Frage des „Einstiegs“, also die Wahl des Ausgangs- 
Problems entscheidend (vgl. ebd., S. 34): Der Einstieg geschieht „von außen“ und geht 
aus von einem für den Lernenden unvorbereiteten, jedoch sichtbaren, erfahrbaren Pro- 
blem. Es soll sich dabei jedoch nach Wagenschein nicht um ein möglichst simples, ein- 
dimensionales Problem handeln, sondern vielmehr muss der Lehrende (hier der Verfas- 
ser eines Schulbuchs für den Physikunterricht) das „Kunststück“ (ebd., S. 35) vollbrin- 
gen, „das Ausgangs-Problem nicht zu sehr und nicht zu wenig komplex zu wählen“ 
(ebd., S. 35). Dann ist es möglich, vom konkreten Einstieg aus zum Elementaren, also 
zur zugrunde liegenden Erklärung des Problems durch physikalische Phänomene und 
Gesetzmäßigkeiten, zu gelangen. Das Problem des Einstiegs behandelt Wagenschein im 
Zusammenhang mit der Theorie, dass die Vermittlung von Lehrinhalten innerhalb soge- 
nannter Plattformen geschieht. „Plattformen“ stellen Verdichtungen, also ausführliche, 
detaillierte Erschließungen eines Themas dar. Zwischen den Plattformen liegen „Verbin- 
dungstritte“ (ebd., S. 33), die weniger ausführlich von einer Plattform zur nächsten füh- 
ren und Zusammenhänge herstellen, so dass Neues in das Vorwissen des Lernenden 
integriert werden kann (Stufencharakter). Der Einstieg erfolgt dabei über ein komplexes 
Problem, von dem aus der Lernende sowohl nach „unten“, zum Elementaren, als auch 
nach „oben“, zu komplizierteren Fragestellungen, gelangen kann’. 
 
° Nach Wagenscheins Auffassung findet sich das Elementare in der „physikalisch schon reduzierten Natur“, 
nicht in der Natur in ihrer ursprünglichen, unerforschten Erscheinungsform. Folglich wird das Elementare 
erst nach umfassendem Studium sichtbar und ist damit „für den fertigen Könner das erste, was er „an- 
setzt“, für den forschenden Neuling das Letzte, das aus der komplexen seltsamen Erscheinung Auszupa- 
ckende“ (Wagenschein 1991, S. 39). Das Exemplarische ist nicht mit dem Elementaren gleichzusetzen, es 
erscheint vielmehr als Strategie, um zum Elementaren zu gelangen. Hier unterscheidet sich Wagenscheins 
Begriff des Elementaren von dem Klafkis, bei dem das Exemplarische eine Erscheinungsweise des Ele- 
mentaren ist. 
339 

	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.