Full text: Elementarisierung im Schulbuch

5 Das Zwanzigste Jahrhundert: 
Die Fibel zwischen Lern- und Kinderbuch. 
Otto Zimmermanns Hansa-Fibel 
Inzwischen kam es durch die deutsche Reichsgründung 1871 zum kontinuierlichen und 
flächendeckenden Ausbau des Schulwesens, so dass auch die bisher schlecht versorgten 
Regionen eine gute Schulversorgung erhielten. Zugleich versetzte eine enorme wirt- 
schaftliche Entwicklung die gesamte Gesellschaft in eine große Aufbruchstimmung, die 
sich auf allen Ebenen widerspiegelte. Auch die Schulpädagogik setzte neue Ideen frei, 
die in den neuen Schulbüchern, insbesondere auch in den Erstlesebüchern, Einzug hiel- 
ten. Hinzu kam ein weiterer durch Verbilligung von Druckverfahren und Papierherstel- 
lung ausgelöster Innovationsschub, der mit einer großen Produktionswelle von Printme- 
dien samt Schulbüchern einherging. Auch die Fibeln profitierten davon, so dass seit den 
1890er Jahren eine nie vorher erreichte Fibelproduktion einsetzte. Die herausragendste 
Neuerung bedeutete dann im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts die Erfindung des 
Vierfarbendruckes. Die Auswirkungen spiegelten sich sofort auch in den neuen Fibeln, 
die ab diesem Zeitpunkt überwiegend nur noch mit farbigen Illustrationen erschienen — 
bis heute. 
Die „Hansa-Fibel“ gehört mit anderen zu denjenigen, deren Autor Otto Zimmermann 
sich sofort die neuen Möglichkeiten zunutze machte, als sie 1914 erstmals herauskam. 
Sie war zunächst nur für die Stadt Hamburg gedacht, was sich auch in ihren Inhalten 
ablesen lässt. Nach dem 1. Weltkrieg trat sie ihren großen Siegeszug durch viele, aller- 
dings mehr nördlich der Mainlinie gelegenen Länder mit jeweils regional ausgerichteten 
Inhalten an. Insofern stellt sie wie die anderen vorgestellten Fibelwerke einen Prototyp 
der modernen deutschen Fibel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dar. Sie wurde 
nach dem 1. Weltkrieg den neuen Wirklichkeiten der demokratischen Weimarer Repu- 
blik angepasst, ebenso den ideologischen Anforderungen der nationalsozialistischen Zeit 
und kam schließlich noch mit einer „Notausgabe“ nach dem II. Weltkrieg 1945 bis 1949 
heraus.’ 
Im Vergleich zu der Haesters-Fibel fällt zunächst auf, dass das Schreiben in Form von 
Schreibschrift in dieser Fibel nur eine untergeordnete Rolle spielt. Das Einüben dieser 
Technik wird wohl neben dem eigentlichen Lesenlernvorgang parallel stattgefunden 
haben, ohne dass die Buchstaben einzeln mit ihrem Schriftbild vorgeführt wurden. Erst 
ab Seite 32 bis Seite 39 wurden Schriftpassagen abgedruckt. Ohne im Einzelnen hier auf 
die Gründe und Argumente für eine inzwischen neue Einstellung zum Lesen und Schrei- 
ben einzugehen, mag ein wichtiger Grund für diese Veränderung auch darin bestanden 
haben, dass das Schreibenlernen leichter und schneller vonstatten geht als der Prozess 
des Lesenlernens. Das parallele Verfahren von Haesters musste im Unterricht sicher 
 
5% Otto Zimmermann: Hansa-Fibel. Erstes Lesebuch für Hamburger Kinder. Mit 100 farbigen Bildern von 
Eugen Osswald. Hamburg u.a.: Westermann 1914. Sie erschien zunächst in einer synthetischen und einer 
analytischen Ausg. — Alle weiteren bibliographischen Daten vgl. Gisela Teistler: Fibel-Findbuch. 2003, ab 
Nr. 2515. - Die „Notausgabe“ erschien in Ermangelung neuer Fibeln als Broschur der Ausgabe von 1930, 
die unter dem Titel „Kinderwelt“ herausgekommen war. 
53 

	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.