Full text: Elementarisierung im Schulbuch

12) Der Lehrinhalt richte sich nach dem Standpunkte, den die Wissenschaft er- 
reicht hat! [...]“ (Diesterweg 1850, S. 254-268). 
Unter Berücksichtigung der bereits benannten formalen Grundsätze — Veranschauli- 
chung und Fortschreiten vom sinnlich Konkreten zum Abstrakteren — lassen sich weitere 
Hinweise für die Elementarisierung festhalten: Der Lehrer hat die Aufgabe, den Lernge- 
genstand in elementare - d.h. für den Lernenden fassliche — Strukturen zu zerlegen und 
diese jeweils so lange zu behandeln, bis der Lernende sich ein sicheres Wissen darüber 
angeeignet hat. Im weiteren Verlauf des Lehrganges soll der Lehrende immer wieder auf 
diese Elementarstrukturen zurückgreifen, um sie zu festigen. Zur Festigung des Gelern- 
ten soll auch eine Aufteilung des Stoffes in „bestimmte Stufen und kleine Ganzen“ ver- 
helfen.” Gelegentliche Hinweise auf höhere, weiterführende Stufen dienen dazu, die 
Neugier und die Wissbegierde anzuregen, die dann als intrinsische Motive den Lernpro- 
zess mitsteuern. Sinnvolle Wiederholungssequenzen — Rückgriffe - sollen die Lernenden 
befähigen, sich den Stoff der nächst höheren Stufe - wenn möglich - teilweise selbsttätig 
anzueignen. 
Auf dieser lerntheoretischen Struktur beruht die ganz zentrale Forderung, den Unter- 
tichtsstoff spiralförmig aufzubauen, d.h. der jeweils neue Stoff muss an bereits Bekann- 
tes angeknüpft werden (vgl. dazu Kampelmann 1995, S. 151). 
Diese Regeln stellen für Diesterweg keine fertigen Gebrauchsanweisungen für den 
Unterricht oder das Verfassen von Lehrbüchern dar. Denn er vermittelt die Regeln unter 
Beachtung ihrer selbst, wie in Abschnitt 3.5 an einem Beispiel ausgeführt werden soll, 
d.h. anregend zur Selbsttätigkeit; sein Ziel ist es, aus den Lehrenden solche zu machen, 
die „nichts auf Treu und Glauben hinnehme[n], sondern prüfe[n] und untersuche[n]“ 
(1850, S. XXI »Vorrede«). 
Allerdings muss Diesterweg mit seiner methodisch-didaktischen Unterrichtskonzepti- 
on vom historisch Machbaren ausgehen, denn er weiß um die äußerst bescheidenen Vor- 
kenntnisse vieler Lehramtskandidaten. In dem bereits erwähnten Aufsatz „Wie soll ein 
Rechnenbuch für Schulen beschaffen sein?“ (1825) fordert er explizit für das Schulbuch: 
„Es muß die Zwecke und Bedürfnisse unserer Schulen, und in’s Besondere derjenigen 
Schulen, für welche ein solches Buch zunächst bestimmt ist, erfüllen und befriedigen“, 
d.h. am Standpunkt der Schüler ansetzen. Aber es heißt auch: „Es muß sich an die Kräfte 
und den Standpunkt des Lehrers, wie derselbe im Allgemeinen ist, anschließen.“ Die an 
Diesterweg häufig kritisierte Praxisbezogenheit kann also durchaus als besondere Leis- 
tung angesehen werden, wenn man gelten lässt, dass er den „theoretische[n] Ideenkreis 
unter dem Anspruch der Realisierbarkeit“ geprüft und verarbeitet hat (vgl. Vautrin 1976, 
Ss. 191). 
Diesterweg selbst scheint als Unterrichtender ein Meister seiner Methode gewesen zu 
sein; dies bescheinigen ihm nicht nur zahlreiche ehemalige Seminaristen (vgl. Langen- 
berg 1868; Lange 1881; Rudolph 1890; Gertner 1866; Bohm 1865), die ihm den Titel 
„Lehrer aller Lehrer“ verliehen. Auch Vorgesetzte, wie Schulrat Kortüm, der im Jahre 
1826 das Seminar in Moers im Auftrag des Königs einer kritischen Prüfung unterziehen 
 
° Zur Bedeutung des „Ganzen“ für den Lern- und Erkenntnisprozess vgl. M. Wertheimer (1964). 
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