Full text: Das Schulbuch zwischen Lehrplan und Unterrichtspraxis

in die Genrekonventionen und in die Wirkung dieser Bilder selbst. Das Resultat ist ein 
sehr bunter Kommentar zu der Welt der Wandbilder, ihrem Ursprung und ihrer Wirkung 
in der ‚weiten Welt’ der Klassenzimmer. 
Diese drei auf die Botschaften der Wandbilder gerichteten Analysemethoden un- 
terstreichen stark die Ebene des Bildes selbst. Nur die Diskursanalyse gibt auch ein tiefe- 
res Verständnis darüber, inwieweit Wandbilder unter einer wirkungsgeschichtlichen 
Perspektive eine Botschaft hatten, und wie sie instrumentell in der Interaktion zwischen 
Lehrer und Lernern, zwischen Curriculum und Praxis verwendet wurden. 
Drittens, und das ist vielleicht das Wichtigste, richtet sich das Forschungsinteresse 
auf die Perzeptionen der Lerner. Wie werden sie durch das Material und durch den 
Kommunikationsprozess beeinflusst (Freedberg, 1989)? Umfragen über Schulwandbil- 
der gibt es, aber sie sind sehr disparat und ihr Wert ist zweifelhaft. Als ich zwei erwach- 
sene ehemalige Schüler aus derselben Klasse befragt hatte, berichtete der eine, keine 
Wandbilder in der Klasse gehabt zu haben, während sein Kollege sie sehr genau be- 
schreiben wollte. Publizierte biographische Erinnerungen zu einem Text gibt es mehrere 
und präzisere als diese Umfragen. Schulgeschichte ist in diesen Erinnerungen erlebte 
Geschichte, viele Literaten und Prominente haben ganz ausführlich ihre Schuljahre be- 
schrieben oder sie haben sie verarbeitet in einer fiktionalen Schuljugend. Ein großes 
Problem mit diesen Schulerinnerungen ist ihre literarische Art. Sie brauchen Themen, 
die mehr literarisch als historisch sind: der erotische Reiz von Mitschülern, die ersichtli- 
che Erniedrigung, das heimliche Riechen an dem Mantel der Lehrerin. Viele (erwachse- 
ne) Autoren schreiben, wie sie als Kind die Rhetorik von Wandbildern ‚durchschaut’ 
haben. Ihre Kommentare haben Wert, aber sind immer retrospektiv. Ganz andere Erinne- 
tungen an Erziehung zeigen in diesem Zusammenhang die sogenannten Meta-Bilder. Oft 
sind das Kunstwerke wie die Pseudo-Wandbilder von Marcel Broodthaers?, oder Comics 
oder Karikaturen. Diese Bilder sind Kommentare zu Wandbildern, geschaffen von visu- 
ell talentierten ehemaligen Schülern’. Wo endet der historische Effekt, und wo beginnt 
das illustrierte Delirium!”? 
 
° ‚Les Animaux de la ferme’ ist die Reproduktion eines Schulwandbildes, auf dem Kühe unterschiedlicher 
Rassen abgebildet sind, wobei jede Kuh mit einer Automarke untertitelt wurde. ‚Citron-Citron’ machte 
dasselbe mit einem Wandbild von Nordmeer (Broodthaers, 1996). 
° Vgl. Abb. 1. 
'° Auch Foucault bemühte sich um Meta-Bilder (Foucault, 1973). 
115 

	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.