Full text: Das Schulbuch zwischen Lehrplan und Unterrichtspraxis

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Obwohl in den Regulativen auch Rahmenvorgaben für die Gestaltung und Einführung 
von Lesebüchern aufgenommen worden waren, sind bisher in der historiographischen 
Auseinandersetzung die Auswirkungen auf die Entwicklung des Volksschullesebuches 
kaum betrachtet worden.? Den Möglichkeiten und Grenzen der zentralstaatlichen Steue- 
rung des Schulsystems durch Schulbücher (vgl. Tröhler/ Oelkers in diesem Band) soll in 
diesem Beitrag anhand eines regionalen F allbeispiels, und zwar dem des Regierungsbe- 
zirkes Liegnitz in der Provinz Schlesien, nachgegangen werden. Folgende Fragen stehen 
im Zentrum der Untersuchung: Inwiefern hat die zentralstaatliche Regulierung des Ele- 
mentarschulwesens in Preußen die Produktion und Konzeption der Volksschullesebücher 
beeinflusst? Welche Funktion wurde dem Lesebuch im Rahmen dieser Regulierung 
zugeschrieben? Inwieweit wurde in den Regulativen an die Entwicklung der Volksschul- 
lesebücher in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts angeknüpft bzw. hatte die Lese- 
buchentwicklung Auswirkungen auf die Gestaltung der Regulative? 
Vor der Rekonstruktion der Einführung des „Münsterberger Lesebuches“ wird zum 
einen jedoch noch einmal auf die Intentionen der preußischen Kultusbürokratie einge- 
gangen, die zum Erlass der Regulative führten, und die grundsätzliche Kritik an dieser 
Verordnung skizziert (1); zum anderen werden die zentralen Vorgaben der Regulative 
für das Volksschullesebuch vor dem Hintergrund der Entwicklung desselben in der ers- 
ten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausgearbeitet (2). Der Versuch der Steuerung des 
Schulsystems über die zentrale Einführung von Lesebüchern am Beispiel des Regie- 
rungsbezirkes Liegnitz steht im Zentrum des dritten Teils, in welchem die Konzeption 
der Königlich-Preußischen Regierung zu Liegnitz zur Umsetzung der Regulative und die 
dem Lesebuch in diesem Zusammenhang zugewiesene Funktion sowie die didaktisch- 
methodische Konzeption des „Münsterberger Lesebuches“ rekonstruiert werden (3). 
Zusammenfassende Thesen schließen den Beitrag ab (4). 
1 „Die drei Preußischen Regulative“ 
Die Notwendigkeit der Regulierung des preußischen evangelischen Volksschulwesens 
durch „Die drei Preußischen Regulative vom 1., 2. und 3. Oktober 1854 über Einrich- 
tung des evangelischen Seminar-, Präparanden- und Elementarschul-Unterrichts“ legiti- 
mierte die preußische Kultusbürokratie mit dem Erfordernis, die „Gedankenbewegung“ 
einer „wahrhaft christlichen Volksbildung“, die „dem Volke wahrhaft frommend“ sei 
und nun „in vielen und wichtigen Beziehungen zu einem Abschlusse gediehen“ wäre, 
jetzt auch „amtlich zur Befolgung vorzuschreiben“ (Stiehl 1854/ 1858, S. 63)°. „Für die 
innere und geistige Thätigkeit der Schule“ sei „in der neuesten Zeit ein wichtiger Wen- 
depunkt eingetreten“, so dass es „daher an der Zeit‘ wäre, „das Unberechtigte, Ue- 
berflüssige und Irreführende auszuscheiden“ (ebd.). Der Maßstab dafür sollte nicht in 
 
Die umfangreichste Darstellung findet sich bei Bünger 1898/ 1972, S. 390-432; vgl. auch Sauer 1998, 
S. 122f., zur Analyse ausgewählter preußischer Lesebücher zwischen 1770 und 1840 vgl. Lundgreen 1970, 
zur Kritik daran Leschinsky/ Roeder 1976, S. 453-455. 
In der Klammer sind das Erscheinungsjahr der Erstveröffentlichung und das der hier verwendeten und im 
Literaturverzeichnis angegebenen Auflage eingefügt. 
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